Heitere Theaterzeit: Eine Asylgeschichte zum Mitgehen

  • Schule kann so schön sein, wenn man gemeinsam Probleme löst, die die Erwachsenen gar nicht bemerken.
  • Wir können nicht lernen – höchstens spicken! In einer Fragebogenaktion sollen die Kinder zeigen, ob sie über das Schicksal der Asylanten nur Vorurteile haben oder doch sichere Kenntnisse.
  • Die gute Hausfrau staubt alles ab, sogar das Asylantenkind: „Ich bin sauber!“ wird da gerne erst einmal überhört!
  • Für den Zahnarzt reicht das Geld nicht: Schmerz statt Therapie schafft aber auch keine Lösung.
  • Bei den Baoulés daheim, als gemeinsam überlegt wird, ob nicht ein „Unfall“ des Vaters das Bleiberecht bringen könnte
  • Eloi beim Ehepaar Baoulé: Der Bescheid in der Hand, das Baby im Arm, die Ratlosigkeit im Gesicht

Sie heißen (fast) alle Baoulé in dieser Grundschulklasse und haben ein großes Paket an Schicksal schon hinter sich: Unterdrückung und Gewalt in ihrer afrikanischen Heimat an der Elfenbeinküste und Flucht und Asylverunsicherung in Frankreich.

Auf diesem Hintergrund bewegt sich die Geschichte, die das Mittelstufentheater von St. Stephan unter Leitung von Elke Sandler in diesem Jahr präsentierte. Und mit genau diesem Hintergrund begann der Abend: Kinder aus Syrien, Rumänien, Kroatien und arabischen Ländern treten vor und begrüßen sich und die Zuschauer in ihren Muttersprachen. Dieser Moment der kulturellen Vielfalt und Fremdheit bricht, als sie beginnen, über ihre Vorlieben, Freuden und Ängste in kurzen Sätzen zu sprechen. Plötzlich sind sie wie alle Kinder: Sie lieben Brezen und ekeln sich vor Brokkoli, sie suchen Freunde und chatten gerne in sozialen Netzwerken. – Erarbeitet war dieses ansprechende Material durch Interviews mit gleichaltrigen Einwandererkindern aus der nahen St.-Georgs-Schule.

Dieser vorgeschaltete „Hintergrund“ berührt das Publikum, bevor es in den Vordergrund der Geschichte geht. Das Stück „(K)EIN ORT“ beruht auf dem Jugendroman „Ein Ort wie dieser“ der französischen Autorin Marie-Aude Murail (bekannt durch ihr Buch „Simpel“) und holt das staatstragende, komplexe und oft irritierend diffuse Thema „Flucht und Asyl“ an einen konkreten und ganz überschaubaren Ort, die französische Louis-Guilloux-Schule.

Die junge Lehrerin Cécil tritt an dieser Schule ihre erste Stelle an und ist heillos überfordert von den Schäden, Defiziten und „Allergien“, mit denen diese Kinder hausieren. Und die Asylantenkinder der Baoulé-Familie leben im unrechtmäßig besetzten Bahnhof des Viertels. Ohne diesen afrikanischen Kinderreichtum wäre die Schule allerdings schon längst geschlossen. Diese Kinder- und Jugendszenen sind lebendig und sehr offenherzig gespielt. Sobald es in die Erwachsenenwelt geht, wird dieses berührende Spiel fragil: Denn Lehrerin Cécil verliebt sich in den Burger-Verkäufer Eloi, der zugleich beim Bürger-Verein zur Asylantenunterstützung aktiv ist. Elois Chef, der „Burger-Meister“ Monsieur Louvier, wiederum flirtet aus taktischen Gründen mit der Sachbearbeiterin vom Asylamt: Denn wenn die Baoulés als Asylanten abgelehnt werden, könnte er im Schulgebäude einen viel größeren und zentraleren Imbiss aufziehen. Das alles konturiert und figurensicher darzustellen, glückt nicht immer. Umso schöner, dass die Schulkinder weiterhin heiter, in wachsendem Kontakt mit ihrer Pädagogin Cécile und als dichte Baoulé-Familie auftreten.

Vieles wirkt hier sehr holzschnitzartig, ohne dass die kluge Heiterkeit, die der französischen Romanvorlage nachgesagt wird, durchdringend zum Tragen kommt: Mehr komödiantische Kühnheit hätte diesen Passagen gut getan, die Schauspieltruppe hätte das durchaus auf dem Kasten gehabt.

  • Hier rollt gerade die Telefonkette für die Hilfsaktion der Asylunterstützer an: Telefonieren hat einfach etwas Leichtfüßiges!
  • Mikrophon-Stimmen erzeugten in der Inszenierung des Mittelstufentheaters eine überraschende zweite Ebene aus dem Off.
  • Sprachenunterricht – Verständigungsübungen – Aufmerksamkeitslernen
  • Dank und Blumen – in der Mitte die engagierte Spielleiterin Elke Sandler

Die gesamte Gruppe ist motiviert, spielfreudig und mit Feuereifer auf der Bühne bei der Sache. Sehr geglückt sind alle Brechungen: So verwandeln einfache Augenmasken die Jugendlichen in vorurteilsvolle Erwachsene. Ein Mikrophon verwandelt schlichte Aussagen ins Doppeldeutige einer „zweiten Stimme“. Und Farbwechsel der Hintergrundbeleuchtung markieren schlicht die Ortswechsel. Die schönste Verwandlung kommt zum Schluss: Mit Trikolore-Wimpeln verwandelt sich die Bühne in ein heiteres französisches Straßenfest, das Gute siegt, die Hoffnung setzt sich durch. Die hinterhältigen Asylanten-Manipulierer sind eben auch arg einfach in ihren Charakterzügen und damit überwindbar.

So bleibt heitere, positive Ausgelassenheit der jungen Spielerinnen und Spieler und der Spielleitung das zentrale Motiv dieser Theaterstunde. Und das ist schon etwas bei diesem Thema „Asyl“, dem man bejahende Gelassenheit nur wünschen möchte.