Nathans Weisheit und Stückls Kunst

  • Theaterklassenfahrt: Die 10b erwartet den Beginn der „Nathan“-Aufführung am Münchner Volkstheater.
  • Offene Bühne mit kahler Rückwand, Licht und Nebel, ein gewellter Bühnenboden: Der Münchner Nathan setzt nach der Lektüre des Dramas viele Gedanken in Gang.
  • Das Ensemble beim Applaus: Nach drei intensiven Stunden teilt sich das Publikum dankbar und berührt mit. Dieser kühne „Nathan“ reißt mit.

Christian Stückl, Intendant des Münchner Volkstheaters, inszeniert zuweilen auch. Sein Nathan läuft seit 2015 und hat an Aktualität nichts verloren: Lessings berühmtes Stück „Nathan der Weise“ von 1779 holt er spürbar in unsere Gegenwart, wenn Sultan Saladin von Mudschaheddin bewacht wird, die seinem Bruder Melek unterstellt sind. Oder wenn der von Liebe zu Nathans Tochter Recha ergriffene Tempelherr Curd körpersprachlich, gestisch und sprachlich ins Pathologische zu gleiten scheint.

Nachdem der „Nathan“, Mustertext der deutschen Aufklärung und Bildungsbeflissenheit, die Klasse 10b über mehrere Wochen begleitet hatte, rundete eine Theaterfahrt dieses Lektüreprojekt ab und bot zugleich einen abrundenden Jahresschluss im Klassenverband. Die Inszenierung war im Unterricht vorbereitet worden und auf manches hatten hinführende Fragen schon aufmerksam gemacht: Die Bedeutung von Licht und Filmeinspielungen, die „nüchternen“ Kostüme und der der raumlose Ort.

Das Erlebnis im Theater am Stiglmaierplatz war dennoch um vieles eindringlicher: Die Bühne, die bis auf die Mauern des Guckkastens geöffnet war, der Bohlenboden mit einer dünenartigen Bodenwelle, die den Raum in Schlucht- und Hügelbereiche unterteilte, vor allem aber die Personenregie mit einem sehr kühlen, raffiniert dezenten, leicht ironischen Nathan und einem wortwörtlich „händeringenden“ Saladin. Der berühmte Patriarch war gesteigert ins verzweifelt kopfschüttelnde Entsetzen, der Tempelherr Curd von Stauffen überhöht in einen Sucher voll von eckigen Körperbewegungen.

Die drei Stunden vergingen wie im Flug, berührten und verstörten gleichermaßen. Zudem lässt sich Stückls Inszenierung auf Lessings versöhnliches Ende nicht ein. Die Schülerinnen und Schüler jedenfalls nahmen viel mit an Beobachtungen, Signalen und theatertechnischen Eindrücken. Die Begegnung mit einem lebendigen – und dadurch herausfordernden – Klassiker war eine lohnende Unternehmung!

  • So sieht die berühmte „Ringparabel“ in „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing am Münchner Volkstheater aus. (Bild: Volkstheater München)