Stolpersteine zum Stolpern im Kopf und im Herzen

  • So sieht der unscheinbare, im Boden liegende Gedenkort für die jüdische Augsburger Familie Friedmann am Martin-Luther-Platz aus.
  • Miriam Friedmann, Enkelin der Ehepaare Oberdorfer und Friedmann, für die Anfang Mai Gedenksteine in Form der Stolpersteine verlegt wurden
  • Der Künstler der „Stolpersteine“, Gunter Demnig, vor Beginn der Verlegung am Augsburger Martin-Luther-Platz
  • Die drei Stolpersteine für die Familie Friedmann vor ihrer Verlegung

Normalerweise räumt man Stolpersteine aus dem Weg. Im Zusammenhang mit dem Gedenken an Opfer der NS-Diktatur ist das Stolpern, eine Art des Innehaltens und Bewusstwerdens Absicht. Das Projekt des Künstlers Gunter Demnig, das 1992 begonnen wurde, soll anhand von niveaugleich im Boden verlegten kleinen Gedenktafeln an das Schicksal der Menschen erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Die quadratischen Messingtafeln sind mit von Hand eingeschlagenen Lettern beschriftet und werden von einem Betonwürfel getragen. Anders als in zentralen Gedenkstätten werden den Opfern ihre Namen wiedergegeben und sie werden an die Orte ihres Lebens zurückgebracht. Mittlerweile gibt es ca. 60000 Stolpersteine in 21 europäischen Ländern, was die Stolpersteine zum weltweit größten dezentralen Mahnmal macht.

Am 4. Mai 2017 wurden nach langen Auseinandersetzungen 12 Stolpersteine in Augsburg verlegt. Miriam Friedmann, die Enkelin von zwei Ehepaaren, für die Stolpersteine gesetzt wurden, hatte auch die Schülerinnen und Schüler von St. Stephan zur Verlegung eingeladen. So wohnten der Schulleiter Bernhard Stegmann, die Klasse 9b und deren Geschichtslehrerin Monika Kapfer der Künstler- und Gedenkaktion für Ludwig und Selma Friedmann sowie Jenny Schnell, geb. Friedmann, am Martin-Luther-Platz 5 bei. Ludwig und Selma Friedmann hatten am 7. März 1943, am Tag vor ihrer Deportation Selbstmord begangen, Jenny Schnell starb am selben Tag im KZ Westerborg in den Niederlanden. Wegen des schwierigen Untergrunds zog sich die Stolpersteinverlegung leider hin. Die Schülerinnen und Schüler waren aber dennoch interessiert, betrachteten und würdigten das Mahnmal.

Mit unserer Schule ist die Familie Friedmann eng verbunden, da Friedrich Georg Friedmann, Sohn von Ludwig und Selma, hier 1931 das Abitur ablegte. Er ist der Vater von Miriam Friedmann, die heute in Augsburg lebt. 1933 wurde er kurzzeitig von der Gestapo in Haft genommen und floh daraufhin nach Italien, wo er in Rom Philosophie und Literatur studierte. Dort heiratete er die 1910 ebenfalls in Augsburg geborene Jüdin Elisabeth Oberdorfer, die er seit seiner Kindheit kannte. Für deren Eltern wurden in der Maximilianstraße 17 Stolpersteine verlegt. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges flüchteten beide nach London, wo auch ihr Sohn John geboren wurde. Von dort aus wanderte die junge Familie in die USA aus, wo Friedmanns wissenschaftliche Karriere begann und auch 1942 Tochter Miriam zur Welt kam. Im Zuge der Rassenunruhen von 1957/58 trat Friedmann für die Gleichberechtigung der Schwarzen ein, wurde entlassen und kehrte 1960 mit seiner Frau nach Deutschland zurück. An der LMU in München nahm er einen Lehrstuhl für nordamerikanische Kulturgeschichte an und gilt damit als einer der Begründer der Amerikanistik in Deutschland. Daneben widmete er sich der Erforschung der Lebenswelt und der Kultur der süditalienischen Bauern. In den folgenden Jahren trat er mehr und mehr für den Dialog zwischen Juden und Christen in Deutschland ein, wofür ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde. 1979 wurde er emeritiert und zog mit seiner Frau nach Friedberg bei Augsburg, wo er bis zu seinem Tod im Januar 2008 lebte. 1989 wurde er zum Akademischen Ehrenbürger der Universität Augsburg ernannt. P. Emmanuel war als Schüler bei dieser Ehrung dabei.

Ein kurzes Interview mit Miriam Friedmann enthält der Filmbeitrag, den Augsburg-tv zur Stolperstein-Verlegung gesendet hat.