TextGesangDialogShow mit NiveauVergnügen

  • Affe Vergil (Julian, links) und Esel Beatrice (Vincent, rechts) philosophierten auf höchstem sprachlichen und spielerischen Niveau über Beschaffenheit und Genuss einer Birne: Romanausschnitt aus Yann Martels „Ein Hemd des 20. Jahrhunderts“. Eine echte Entdeckung!

„Mit Gründen ist da nichts zu machen. / Was einer mag, ist seine Sach, / denn kurz gesagt: In Herzenssachen / geht jeder seiner Nase nach.“ So sagt’s Wilhelm Busch – und spricht nicht nur von der Liebe in der reizvollen „LiebesGedichtGeschicht“, sondern man hört da auch die Herzenssache der Literatur heraus. So zeigten bei „Literatur lernt sprechen 2016“ Abiturientinnen und Abiturienten, welche Texte, Gedanken und Ideen ihnen am Herzen liegen und hatten wirklich ein feines Näschen!

  • Tobias Fuchs mit Morgensterns „Ästhetischem Wiesel“, das sich schleichend in eine treffsichere Lehrerparodie verwandelte „um Reimes willen“.
  • „Das Frühstücksei“, Loriots Klassiker aller Mann-Frau-Missverständnisse, geboten von Mitgliedern der Theaterintensivierung der 9. Klassen.
  • Loriots „Feierabend“ in genialer jugendlicher Umsetzung: Ein grandioses Plädoyer für das absichtslose Sitzen.
  • Schiller in drei Minuten: Das geht – und alle Männerfiguren von Leicester bis Mortimer sind auch dabei. Geboten von Vincent Möckl, Julian Sturz und Clara Slawik.
  • Als Maria Stuart machte Vincent Möckl eine wirklich hochtoupierte Figur: Helge Thuns Schiller-Parodie war treffsicher ausgespielt.
  • In der „LiebesGedichtGeschicht“ greift Nikolai Seidl zu Papier und Tinte – dabei rezitiert er einen Brief Beethovens an seine Geliebte.

Hermann Hesse kam mit „Siddhartha“ zum Zug und der unglaublich wichtigen Frage: „Was kannst du?“ Die verblüffende Antwort lautet (unter anderem): „Fasten“ – denn damit kann man jeden Hunger besiegen. Friedrich Schiller (oder doch Wolfgang Amadeus Schiller?) gab es in einer „Maria Stuart“-Kurzfassung des Comedian Helge Thun, wo sich „England“ reimt auf die Königin, die so mancher „streng fand“. Brillant vorgetragen als Drei-Minuten-Trio. Joseph von Eichendorff war vertont mit den „Zwei Gesellen“ auf der Bühne und die Spoken-Word-Dichterin Julia Engelmann rührte richtig an mit ihrer „Bestandsaufnahme“ in drei Kategorien: Was ich nicht habe. – Was ich habe, aber nicht will. – Was ich hab. Und wie es da von den Angstlawinen zu den offenen Haaren neben den offenen Fragen geht, da waren wir im Publikum alle wirklich angesprochen, von dieser zutiefst gesprochenen Literatur.

Viele Gäste aus Unter- und Mittelstufe vertieften diesen Abend: Das Q11-Theaterteam mit einem Hoffmann’schen „Sandmann“, der aufwühlte; Loriot im Dreierpack, wo aus Frauen Männer und aus Männern Mörder wurden und das englische „th“ (Lady Hesketh-Fortescue, Priscilla Molesworth, Middle Fritham) Perücken vom Kopf holte; Jandl (berühmt), Erhard (exzellent gespeichelt und gespuckt) und Morgenstern (wieselflink) in lyrisch-parodistischen Zügen.

  • Atmen als Ruhen (Vincent, rechts), als schnarchendes Sägen (Julian, Mitte) und als lauschendes Mitschwingen (Clara, links): Tim Wintons Roman „atem“ für drei Oberkörper.
  • Die Theatergruppe der Oberstufe mit ihren Elftklässlern führte in die Schreckensszenarien von E.T.A. Hoffmanns Novelle „Der Sandmann“.
  • Das „Lama“ von Heinz Erhard, „dem es niemals wollte glucken, weit im Bogen auszuspucken.“

Meine Favoriten waren alles für mich unbekannte Texte und echte Traumfunde an literarischen und szenischen Perlen: Aus einem Smartphone-Chat zwischen dem Flüchtling Faiz und der Helferin Julia wurde ein sensibel sensibilisierender Bühnendialog. Aus dem Roman „atem“ von Tim Winston ergriff mich diese Reflexion über unsere menschliche Beziehung zum Atem, die hinter einer schwarzen Wand mehr geschah als geboten wurde. Und aus Yann Martels Roman „Ein Hemd des 20. Jahrhunderts“ blitzte uns vom Podium herunter das Wesen der Birne an, wie ich es nicht erwartet hatte. Wer kann über Form, Duft, Geschmack und Farbe so imponierend-ergreifend sprechen wie der Affe Vergil? Und gespielt war das mit einer Körperlichkeit und Überwältigung, die man selten so reif und leicht findet!

  • Aus dem Peter-Alexander-Film „Die Abenteuer des Grafen Bobby“ brachten Laura Köstler und Vincent Möckl das Graf-Bobby-Lied als Bobby und Mucki: „Von blöd ist keine Rede, wir sind nur a bisserl dumm“, vor allem aber köstlich, pfiffig und witzig.
  • Ein Smartphone-Chat zwischen syrischem Flüchtling (Philip, links) und deutscher Helferin (Laura, rechts): Ganz ungewohnte, sehr persönliche Blicke auf die Fragen nach Heimat, Selbstbestimmung und Anerkennung.
  • Das „Literatur lernt sprechen“-Ensemble 2016 mit der diesjährigen Spielleiterin Melanie Thum (rechts) beim umarmenden Schlussapplaus
  • Ein geglückter Abend geht zu Ende: Bobby und Mucki ganz entspannt.

Zum Schluss Peter Alexanders „Graf-Bobby-Lied“: „Na bitte sehr, man sagt ja nix, man red’t ja nur davon.“ Was für ein Schluss nach diesem leichten, tiefen, temporeichen und schlicht schönen Abend! Das Team unter Leitung der überzeugenden Regie- und Motivations-Debütantin Melanie Thum hatte viel geredet, intensiv gestaltet und sich leidenschaftlich auf die Bühne gebracht. Gedanken waren zu Worten und Bilder zu Szenen geworden. Die „Auswahl“ aus unserem Abiturjahrgang 2016 darf getrost sagen: „Na bitte sehr, man sagt’s nicht nur, es trägt uns auch davon!“