Unser Symphonieorchester in den USA

  • Das Orchester des Gymnasiums bei St. Stephan zu Gast in Augsburgs Partnerstadt Dayton

Eine große Ehre bedeutete für das Symphonieorchester unseres Gymnasiums die Einladung durch die Stadt Augsburg, die Feierlichkeiten zur 50-jährigen Städtepartnerschaft in Dayton / Ohio von Augsburger Seite musikalisch zu gestalten. Durch etliche Sponsoren, nicht zuletzt durch den Förderverein unseres Gymnasiums, wurde es schließlich ermöglicht, den Aufenthalt in den USA auf lohnende zwei Wochen auszudehnen. So konnten auch alte Bande, die P. Anselm auf seinen mit dem Orchester unternommenen USA-Reisen vor Jahren geknüpft hatte, aufs Neue aufgefrischt und gestärkt werden. Gerade auch von diesen Begegnungen mit den Gasteltern und Freunden von einst, von herzlicher Aufnahme, Erinnerung und „Wiedersehens“-Freude kündet dieser bunte und erlebnisvolle Reisebericht aus der Feder der begleitenden Lehrkraft Martina David. (gh)

28./29. Juni > Augsburg – Dayton

Um 10.41 Uhr brandet in einer Passagierkabine auf der Rollbahn in Frankfurt Applaus auf: 88 Stephaner geben dem Staunen und dem Jubel freien Lauf, dass eine bis dato theoretische Vorstellung Realität wird: Wir sind tatsächlich auf dem Weg in die USA. In den Nacht zuvor sind die großen Celli und Bässe mit mehreren Lagen Luftpolsterfolie transportfähig gemacht und in strömendem Regen in zwei Busse geladen worden, die gegen Mitternacht mit einem kompletten Symphonieorchester an Bord den Plärrer-Parkplatz verlassen.
Der Anblick dieser Gruppe am Check-In in Frankfurt ist einmalig, vor allem, da zeitgleich am Nachbarschalter die Heavy Metal Band Sepultura ihre Blümchenkoffer aufgibt …
Nach 8 Stunden Flug ist es in Chicago noch immer erst 15 Uhr Ortszeit, was uns genügend Zeit für eine Stadtrundfahrt zwischen den beeindruckenden Wolkenkratzern und eine kurze Verschnaufpause in den Millenium Gardens lässt. Bis zur Universität von Dayton vergehen dann allerdings noch weitere sechs Stunden Busfahrt, so dass wir gegen 2 Uhr morgens endlich nach mehr als 50 Stunden todmüde in die Betten fallen.

30. Juni > Dayton

Der neue Morgen bringt beim späten Frühstück neue Erkenntnisse: Wer die Zeitverschiebung gegenüber Chicago verpennt, muss sich beim Frühstück beeilen, und wer beim „Instrumente-Unwrapping“ fehlt, hat dann auch keines bei der Probe (selbst wenn er nichtsdestotrotz einfach mal mit zum Probenraum läuft…).
Der Dirigent des Universitätsorchesters und des Dayton Philharmonic Youth Orchestra Dr. Patrick Reynolds führt uns mit anspruchsvollem Charme durch die Stücke für den nächsten Tag: „I know I’m conducting in English…, but you still need to play the way I want you to…!“

1. Juli > Dayton

Am Vormittag treffen wir bei der gemeinsamen Probe zum ersten Mal auf die Orchestermitglieder aus Dayton, mit denen wir mittags für die Bürgermeister und Delegationen, die Mitarbeiter des SisterCity-Komitees und die Mitglieder des „Liederkranz Dayton“ die Feierlichkeiten gestalten. Mendelssohns 4. Symphonie und Tschaikovskys Capriccio Italien begeistern alle Anwesenden; die Dankesworte und Stars and Stripes Forever von Sousa rühren viele der Zuhörer zu Tränen. Unter ihnen sind Gasteltern, die vor Jahrzehnten bereits die Eltern unsrer Schüler beherbergt hatten, und die nun sehen dürfen, welche Früchte die Samen tragen, die sie damals zusammen mit Pater Anselm ausgesät hatten.
Während Herr Graba, Frau Wiedemann, Herr Weighardt und Frau David nach dem Konzert zum offiziellen Empfang mit der Augsburger Delegation geladen sind und dort die Weichen für eine weitere erfolgreiche Zusammenarbeit stellen, erstehen die Schüler in einer nahegelegenen Mall erste Textilien, Schuhe und – weil es die ja nur in Amerika gibt – Lindt-Schokolade.

2. Juli > Dayton – Muskegon

Was es tatsächlich nur in den USA gibt, ist der „Baconator“ – ein spezieller Burger einer typisch amerikanischen Fastfood-Kette, der auf der Fahrt von Dayton nach Blue Lake mehrfach bestellt wurde – allein wegen des coolen Namens; denn schmecken tut er nur mäßig, wie wir feststellen mussten.
An der Zufahrt des „Blue Lake Fine Arts Camp“ empfangen uns zwei sportliche Damen, die unsere beiden Busse im Laufschritt mit der wehenden amerikanischen und der deutschen Flagge ins Camp eskortieren. Die Gasteltern bringen viele von uns abends ans Ufer des Lake Michigan, wo wir am Strand am Leuchtturm einen wunderschönen Sonnenuntergang erleben dürfen.

3. Juli > Muskegon

Vor der Probe bekommen wir eine Führung durch das Blue Lake Fine Arts Camp, das wunderschön in Kiefernwäldern an einem überraschend grünen See liegt. Die insgesamt 14.000 Teilnehmer, deren militärische Disziplin und harte Ordnung uns gleichermaßen beeindruckt wie abschreckt, bleiben jeweils für zwei Wochen, in denen sie in recht spartanischen Blockhütten leben. Täglich gibt es Unterricht und Kurse bei hochkarätigen Lehrern; Konzerte werden auf der Open-Air Bühne der Steward Shell aufgeführt, auf der auch unser Konzert stattfindet.

  • Die „Muschel“ im Blue Lake Fine Arts Camp ist ein Ort für riesige Konzertdarbietungen.

Jan Gärtig, der im Anschluss an die Tournee ein Stipendium für das Blue Lake Camp erhalten hat, erspielt sich die Achtung seiner zukünftigen Mitstudenten und Lehrer mit einem erstklassigen Solo (Klarinettenkonzert in f-Moll von Carl Maria von Weber), das den Zuhörern Gänsehaut beschert – genauso wie der über 500 Mann starke Chor der Blue Lake Studenten, die uns zum Abschied die Camp Hymne singen. Pater Anselm ist auch hier in herzlicher Erinnerung geblieben, und die Gründer des Camps, Gretchen und Fritz Stansell, sehen – ähnlich wie die Gasteltern aus Dayton – wie ihr Engagement Kreise zieht: Ein Schüler namens Ulrich, den sie damals als 13-jährigen Stephaner zu Gast im Camp hatten, kommt nach über drei Jahrzehnten als „Maestro“ zurück, bringt sein ganzes Orchester mit und gibt damit einer neuen Generation von jungen Musikern die Chance, die ihm damals gegeben wurde, weiter.

4. Juli > Muskegon – Port Huron

Bereits morgens früh um 7 verabschieden uns unsere ersten Gastfamilien am Camp, am späten Nachmittag nehmen uns in Port Huron die nächsten in Empfang. Auf die Frage, ob man denn alleine bei der Familie wäre, oder ob noch jemand anders zugeteilt sei, antwortet Gastvater Bob mit todernster Miene: „Yes, I think there are 21 others.“ Und tatsächlich: Familie Hicks hat in ihrem Einfamilienhaus nicht nur vier eigene Kinder und deren Freunde, sondern auch noch 22 Gäste aufgenommen. „We like it that way“, sagt Bob, als er die ungläubigen Blicke sieht, und „you can choose any car on the parking lot, they are all our friends who help to drive you home.“ 12 von uns schlafen auf Luftmatratzen im Wohn- und Esszimmer, der Rest in Wohnwägen, die Freunde der Familie in der Einfahrt aufgestellt haben – die Kinder geben ihre Zimmer für die Begleitpersonen her und schlafen selbst auf dem Sofa. Abends grillt Bob über 50 Burger, und auf dem Rasen spielen wir Badminton – 12 gegen 12, zur Not muss man den Schläger eben weitergeben.

5. Juli > Port Huron

Nach dem Besuch einer Sand-Art-Ausstellung werden abends alle 88 Stephaner inklusive Gastfamilien von einer Familie zum „Bonfire“ eingeladen. Große Augen gibt es, als wir entdecken, dass sich im „Garten“ hinter dem Haus nicht nur ein Lagerfeuer, sondern auch eine Halfpipe befindet. Streichquartett und Bläser proben anfangs noch drinnen ihre Stücke für Sonntag, draußen sitzen die restlichen Jugendlichen wie die Hühner auf der Stange, bevor sie nach unten schliddern – bis auf eine, die ganz oben auf der Halfpipe beinahe die Abfahrt verschlafen hätte …

6. Juli > Port Huron

Der Großteil des Orchesters verwandelt sich heute in einen Chor, der den Gottesdienst der örtlichen katholischen Gemeinde mit einer Messe von Valentin Rathgeber gestaltet, umrahmt von einem Flötenkonzert Vivaldis und dem Bläserquartett aus Humperdincks Hänsel und Gretel. Wo vor Beginn des Gottesdienstes noch befürchtet wurde, dass eine lateinische Messe in einer modernen amerikanischen Gemeinde etwas fehl am Platz sei („Das ist ja wie vor dem 2. Vatikanischen Konzil!“), bedanken sich die Besucher hinterher bei Kaffee und Cookies für die schöne Musik, die Erinnerungen an längst vergangene Zeiten im Kirchenchor oder als Messdiener weckte.
Bei der nachmittäglichen Probe zeichnet sich noch nicht ab, dass es beim Konzert in der Port Huron Northern High School am selben Abend Standing Ovations geben wird. Und als unser Tubist als krönender Abschluss völlig unerwartet beim letzten Stück mit einem typisch amerikanischen Sousaphone auf der Bühne auftaucht, ist der ganze Saal auf den Beinen.

7. Juli > Port Huron

Beim gemeinsamen Barbecue am Ufer des Lake Michigan mit selbst gegrillten Hotdogs und Burgern erfahren wir, dass Erick Senkmajer, der unser Programm und auch die Gastfamilien in Port Huron organisiert hatte und der tags zuvor noch mit uns auf der Bühne um die Wette strahlte, kurz vor einem Blinddarmdurchbruch ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Ohne mit der Wimper zu zucken organisiert seine Frau Yvonne ein Abendessen für ihre sechs Gastschülerinnen, damit sie zu Erick ins Krankenhaus kann, und bringt die Mädels am nächsten Morgen auch noch selbst zum Bus. Erst zwei Tage später hören wir, dass Erick nach diesem für amerikanische Verhältnisse recht langen Krankenhausaufenthalt wieder zu Hause und auf dem Weg der Besserung ist.

  • Die Niagarafälle in ihrer „berauschenden“ Gestalt
  • Der Besuch an den Niagarafällen brachte auch viel Wasser von oben.

8. Juli > Port Huron – Niagara Falls

Heute ist der Tag der großen Emotionen: Nach einem tränenreichen Abschied von den Gastfamilien machen wir uns auf den Weg über Kanada zu den Niagarafällen. Die „Maid of the Mist“ bringt uns direkt an das grandiose Naturschauspiel, wir werden von oben und unten nass, sehen die Sonne über den tosenden Wassern untergehen und schlagen Brasilien 7:1. Was für ein Tag!

9. Juli > Niagara Falls – Bowie

Nach unserer längsten Etappe empfangen uns die Knights of Columbus in Bowie, Maryland mit einem warmen Abendessen in ihrem Versammlungssaal, und wir treffen die dritten Gastfamilien dieser Tournee. Wir alle sind froh, diesen langen Bustag hinter uns gebracht zu haben.

10. Juli > Bowie

Das Bowie Center of the Performing Arts kündigt unser Konzert mit einer dieser für die amerikanischen Kinos so typischen Leuchtreklamen an, und wir spielen vor ausverkauftem Haus. Das Publikum, in dem auch der Bürgermeister von Bowie und der Senator von Maryland sitzen, kauft sämtlich Vorräte an CDs auf, die wir im Gepäck haben und die erwähnten Würdenträger ehren uns mit ihren von Herzen kommenden Grußworten und offiziellen Urkunden. Während nach Konzertende die Instrumente wieder flugfertig gemacht werden, wird Herr Graba sogar vom lokalen Radiosender interviewt.

11. Juli > Tagesausflug Washington

Früh am Morgen starten wir nach Washington. Im Rahmen einer Führung durch das eindrucksvolle Parlamentsgebäude dürfen wir auf der Besuchergalerie eine Rede im (leider mehr oder weniger leeren) Sitzungssaal des Repräsentantenhauses erleben. Nachmittags locken die vielen Bauwerke und Museen an der Mall – und natürlich das Weiße Haus, wo gerade, ganz wie sonst im Kino, der Präsident im Hubschrauber eingeflogen wird.
Auf dem Rückweg führt uns unser Guide zur Basilika „National Shrine of the Immaculate Conception“, deren beeindruckender Bau ausschließlich aus Spendengeldern finanziert wurde – zum Teil auch von den Knights of Columbus, die eine Kuppel und einen Turm stifteten. Hier finden wir unter 40 verschiedenen Marienbildern auch eine asiatische Mutter Gottes aus China, eine Kopie der schwarzen Madonna aus Guadeloupe und Unsre Liebe Frau zu Altötting.

12. Juli > Bowie – New York

Wir sind wieder unterwegs, als sich mittags der Bus leicht zur Seite neigt: und zwar in dem Moment, als zum ersten Mal die Skyline von New York am Horizont zu erkennen ist. Hätte man die Gesamtkosten dieser Fahrt in 1-Euro-Münzen bezahlt und diese gestapelt, wäre die Säule etwas höher als der 86. Stock des Empire State Buildings: Von dort aus genießen wir kurze Zeit später unseren ersten Eindruck von New York, bevor wir Manhattan mit Broadway, Central Gardens und dem eindrucksvollen Times Square zu Fuß erkunden. Der Masse an Menschen und gigantischen Eindrücken setzt das Abendprogramm die Krone auf: Im wunderschönen New Amsterdam Theater sehen wir das Musical „Aladdin“. Die faszinierende musikalische Gestaltung, die atemberaubende Bühnendekoration und die unglaubliche schauspielerische Leistung versetzt die ganze Gruppe in Hochstimmung. Völlig geplättet von den Eindrücken des Tages kommen wir gegen Mitternacht im Hotel an.

  • Am Times Square in New York, an der Kreuzung Broadway und Seventh Avenue, kann man sich kaum sattsehen.
  • So sieht New York vom Empire State Building aus.

13. Juli > New York – Augsburg

Mit der Staten Island Ferry setzen wir morgens von Jersey aus über, fahren an der Freiheitsstatue vorbei und direkt auf die beeindruckende Skyline Manhattans zu. In der Nähe der Wall Street gehen wir an Land, wo sich die meisten entschließen, Ground Zero und den Freedom Tower zu besuchen.
Mittags müssen wir leider von dieser wunderbaren Stadt Abschied nehmen, dafür fällt nach dem Check-In am Flughafen das entscheidende Tor und Deutschland wird Fußballweltmeister. Das Bordpersonal borgt sich unsere Fanartikel und veranstaltet zur Musik von Andreas Bourani eine Polonaise durch die Kabine.
Am nächsten Morgen gehen in Augsburg zwei Wochen voller Eindrücke, kultureller Erfahrungen und sprachlichen wie musikalischen Herausforderungen zu Ende. Die herausragende Disziplin und Leistung unserer Schüler, die von allen Gasteltern und Organisatoren immer wieder betont wurde, zeigen, welche Bedeutung sie dieser Tournee beimessen. So etwas erlebt man nur einmal im Leben, dessen sind sich alle bewusst, und deshalb ist unter den Schülern und deren Eltern eine große Dankbarkeit spürbar – allen gegenüber, die ihren Teil dazu beigetragen haben, dass die Mitglieder des Symphonieorchesters von St. Stephan diese einmalige Chance bekommen haben und diese Tage erleben durften.