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Die französische Heilanstalt Charenton im Jahr 1808: Direktor Coulmier und der Ausrufer (links in Schwarz), vier Pflegerinnen (in Schürzen) und 15 Insassinnen und Insassen (mit „befleckten” Gesichtern): Mit diesem Team stellte das Oberstufentheater von St. Stephan am 16. und 17. März 2026 Peter Weiss’ episches Drama „Marat/Sade” auf die Bühne unter dem Titel „Charenton. Nation. Revolution”.
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Das Spiel beginnt schon vor dem Spiel: Die Hospizbewohner zeigen den „Tod des Jean Paul Marat” und betätigen sich musisch und schöngeistig.
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Direktor Coulmier (Abischag Prem) ist begeisterter Unterstützer des kreativ-therapeutischen Theaterspiels: Im Laufe der Darbeitung wird er noch an etlichen Stellen die Fassung verlieren …
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Marats Mörderin, das einfache Mädchen Charlotte Corday (Josefine Unseld-Weiand) aus der Normandie, von einer Schlafkranken gespielt, wird vom erotomanischen Insassen in der Rolle des Duperret (Jakob Palme) liebevoll-klammernd umsorgt.
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Simonne Evrard (Emma-Felicia Miller), die historische Gattin Jean Paul Marats, die den hautkranken Gatten umsorgt, wird hier dem Publikum vorgestellt.
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Der Priestermönch Jacques Roux (Elijah Hofmann), ein radikaler Revolutionär, braucht im Hospiz Charenton viel Pflege, um ihn einigermaßen im Zaum zu halten.
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Marquis de Sade – mit Perücke – (Joel Dorn) sitzt auch in Charenton fest: Er hat das Theaterprojekt der Pfleglinge initiiert und wird hier von seinen Theaterspielern leidenschaftlich dem Publikum vorgestellt.
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Charlotte Corday braucht insgesamt drei Anläufe, um den Mord an Marat in der Badewanne vollziehen zu können: Bis dahin muss sie immer wieder aufs Neue belebt und motiviert werden.
„Crazy“ ist das erste Wort, das ein Schüler der achten Jahrgangsstufe am Tag nach der Première wählt, um seiner Klasse einen Eindruck von der diesjährigen Produktion der Theatergruppe der Oberstufe zu vermitteln. Danach ringt er ein wenig um Worte, was für den Rezensenten des Stückes nachvollziehbar ist. Aber „crazy“ ist ein durchaus zutreffendes Stichwort, um einen Zugang zu dem Stück „Marat/Sade“ von Peter Weiss, das 1964 uraufgeführt worden ist, und seiner aktuellen Umsetzung unter dem Titel „Charenton. Nation. Revolution“ zu finden.
Das Publikum betrachtet noch die Bühne, die diesmal zwölf Meter breit an einer Längsseite der Großen Aula – crazy! – aufgebaut ist. In ihrem Hintergrund sind Fotos von Politikern, Machthabern und Despoten, aber auch die Porträts der Schauspielerinnen und Schauspieler an der Wand angebracht, gerahmt wird sie von einem Schiedsrichterstuhl wie beim Tennis und einer monströsen Guillotine.
Plötzlich betreten die Schauspieler noch vor dem eigentlichen Beginn des Stückes den Raum. Sie verkörpern die Insassen und Pflegekräfte der Irrenanstalt „Charenton“ und suchen die Nähe zum Publikum, wobei manche Töne und Misstöne auf Flöten produzieren. Später sorgt Adrian Sommer für das Sounddesign, der hinter der letzten Reihe sitzt, live auf einer Trommel spielt und digital erzeugte Klangteppiche einsetzt, womit er die packende, aufwühlende, mitunter auch enervierende Intensität der Inszenierung kommentiert und steigert, die durch eine überaus kompakte, verdichtende Textfassung von nicht einmal 70 Minuten wie ein fulminanter Sturzbach abläuft. Die meisten Personen tragen weiß, doch es stechen auch Rottöne hervor, zwei markante Figuren sind schwarz gekleidet.
Eine davon ist Francois Simonnet de Coulmier, der Leiter der psychischen Heilanstalt, hervorragend verkörpert von Abischag Prem. Er besteigt mit Frack und Zylinder den hohen Stuhl und begrüßt mit erhabenen Worten das Publikum, wobei er die Modernität seiner Institution betont, die man schon daran erkennen könne, dass seine Patienten – wir befinden uns im Jahr 1808 – nun ein Stück über die Ermordung Marats aufführten unter der Leitung von Marquis de Sade. Diesen haben die Wogen, welche die Französische Revolution ausgelöst und Marat als eine sie antreibende Kraft bereits 1793 verschlungen haben, ebenso in die Heilanstalt gespült.
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Marat wollen alle Insassen des Hospizes spielen: Von der Badewanne aus, wo sich der radikale Vordenker der Revolution im kühlen Wasser Linderung von einer schwelenden Hautkrankheit verschafft, dringen die revolutionären Gedanken Schritt für Schritt in die Insassen der Pflegeanstalt ein. Marat (hier in der Mitte: Viktoria Bauerhin) soll ihr Anführer sein.
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Roux, der Mönch, ist gewissermaßen die Stimme Marats unter den Leuten, er peitscht die Parolen Marats aus der Badewanne der Volksmenge ein.
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Der Ausrufer (Samuel Winckhler) muss oft helfen, den theaterspielenden Insassen die Texte wieder einzubläuen – das „Spiel im Spiel” läuft nie rund. Hier ist Duperret gerade mal wieder auf dem Holzweg, während Corday völlig ermattet ist.
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Dann beginnen die Guillotinierungen: Auf Betreiben Marats sollen alle, die „nicht zu uns passen”, beseitigt werden, um endlich ein homogenes Volksganzes zu schaffen. In der Aufführung laufen – unter einem gewaltigen Fallbeil aus dem Theaterfundus von St. Stephan – rund zehn Minuten lang die Hinrichtungen wie am Fließband.
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Anstaltsleiter Coulmier, Regisseur de Sade, Revolutionär Marat (hier: Johannes Simmons) und der Ausrufer sehen entsetzt zu und reflektieren die ausufernde Gewalt: In Peter Weiss’ Drama wird alles gezeigt und zugleich diskutiert, reflektiert und gedanklich eingeordnet.
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Die Situation eskaliert endgültig, als die Pfleglinge ins Publikum hinausbrechen und ihre Kritik an Staat, Kirche und Institutionen blasphemisch übersteigern: Das Pflegepersonal kann nur mit Mühe Einhalt gebieten.
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Inzwischen steigert Marat (hier: Frieda Rothe) seine Bemühungen, damit die Revolution – wir sind im Jahr 1793 – nicht auf halbem Wege der gesellschaftlichen „Reinigung” stecken bleibt.
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Roux greift die Parolen aus Marats Badewanne weiterhin stimmgewaltig und wuchtig auf und zieht die Massen mit seinen „Predigten” in seinen Bann.
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Marat und Sade kommen immer intensiver ins Gespräch: Welche Freiheit erstreben wir eigentlich? Ordnet man die Gesellschaft durch Konformismus oder Individualismus? Durch Gewalt oder durch Enthemmung?
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Marquis de Sade gibt tiefe Einblicke in sein Leben und sein philosophisches Denken, bei dem er auch der hemmungslosen Selbsterkundung und dem ersehnten Schmerz nicht aus dem Weg gegangen ist.
Auch wenn er somit mundtot gemacht werden sollte, hat er noch einiges zu sagen und in Joel Dorn einen wortgewaltigen Schauspieler gefunden. Für das geplante Theaterstück sind die Insassen Feuer und Flamme – und wollen alle in die Wanne. Dieser etwas platte Kalauer soll bald erläutert werden. Wird das Spiel zu chaotisch und läuft Gefahr, außer Rand und Band zu geraten und überzuborden, klopft Samuel Winckler in der Rolle eines schöngeistigen Pflegers, er ist die zweite Figur, die schwarz kostümiert ist, herrisch auf den Boden und mahnt mit strengem Blick und gereimter Sprache zu Ruhe und Contenance. Sollte sich gar eine gerade gespielte Szene als zu grob oder blasphemisch erwiesen haben, wird sie kurzerhand gestrichen.
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In der Nationalversammlung treten zahlreiche Marats (hier: Joseph Kolland) auf, denn noch ist die Revolution im Halbfertigen stecken geblieben: Es braucht jetzt endlich Mut, um eine neue Gesellschaftsordnung zu verwirklichen.
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Während das Volk Marat (hier: Helena Engel) zum Diktator erheben will, kämpft Duperret in der Nationalversammlung für „Schönheit und Harmonie anstatt Taumel und Fanatismus”.
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Charlotte Cordays Zeit ist gekommen, die Herrschaft Marats muss verhindert werden, um tausende Menschenleben vor der Guillotine zu retten: Die schlafkranke Patientin greift zum Dolch und rüstet sich zum letzten Besuch bei Marat.
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Mit Spannung, Sorgen und Ängsten verfolgen die Insassinnen und Insassen das „Finale” der Heilanstalts-Theaterdarbietung: Corday schreitet zur Mordtat.
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Revolutionär Jean Paul Marat (hier: Sophia Paula) lässt Charlotte Corday vor – und hat keine Chance mehr, ihrem (bis heute ikonischen) Badewannenattentat zu entgehen.
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De Sade stoppt das Geschehen abrupt: Was sollte hier eigentlich gezeigt werden? Was ist der tiefere Gedankenhintergrund der vorgespielten Eskalationen, Verwirrungen und Gewalttaten? Die Zuschauer entkommen nicht der Frage, welche Rolle wir im „Puzzle” unserer heutigen Machthaber und unserer derzeitigen Eskalationen einnehmen …
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Noch ist die Idee der umwälzend-gewalttätigen Weltneuordnung mit Marats Tod nicht untergegangen, noch ruft Priestermönch Jacques Roux nach revolutionärem Aufstand.
Zurück zur Wanne: Dort badet Marat oder – genauer gesagt – die Marats, denn seine Rolle ist gesplittet. In kaltem Wasser lindert er die Schmerzen einer ihn plagenden Hautkrankheit in Obhut seiner Gattin, die liebevoll von Emma-Fe Miller gespielt wird. Von dort aus hält er unter Aufbietung der ihm verbliebenen Kräfte flammende Reden für sein Ziel, die absolute Gleichheit der Bürger. Dazu rollen weiter die Köpfe, um die Guillotine bildet sich eine Schlage. Fällt der Kopf, so reiht man sich erneut ein. Das Geräusch des fallenden Beils ist extrem und schmerzt in den Ohren. Die Menge johlt und lässt sich leicht von Marats Tiraden und den Aufrufen des Priestermönches Jacques Roux mitreißen, den Elijah Hofmann sehr glaubhaft mimt. Grandios ist eine Szene in der Nationalversammlung, die zeigt, wie leicht sich die Masse manipulieren lässt. Wer etwas zu sagen oder zu motzen hat, steigt in die Wanne und wird zu Marat, der noch einmal in seinem Element ist, denn der Pöbel tost. Das Wasser spritzt aus der Wanne, die wiederholt während des intensiven Abends überbordet.
Viel Lebenskraft hat Marat nicht mehr, den Rest will ihm Charlotte Corday rauben, doch es bedarf dreier Anläufe, bis sie ihren Mordanschlag ausführen kann, wodurch das Stück eine klare Gliederung erhält. Fesselnd und mitreißend spielt Josefine Unseld-Weiand die schlafkranke Insassin und Mörderin im Spiel im Spiel. Wie sie sich aus ihrer Schlaffheit herausreißt, ihren geplanten Anschlag halb im Wahn, halb in Trance rechtfertigt, dabei selbst droht, wieder dem Schlaf zu verfallen, und schließlich nach dem Dolchstoß selbst in der Badewanne versinkt, ist höchst eindrucksvoll. Auch Jakob Palme, ein erotomaner Insasse, der einen gemäßigten Girondisten spielt, kann sie trotz allem wollüstigen Schmachtens nicht von dem Mord abhalten, das bzw. sie kann er drehen und wenden, wie er will.
Doch zuvor hat de Sade noch Gelegenheit, wiederholt an die Wanne zu treten, um im Disput mit Marat, der immer mehr zu einem Monolog wird, über seine Ansichten und Erfahrungen zu reflektieren und lamentieren. Quälen und leiden bereitet ihm Lust und führt ihn zu Erkenntnisgewinn und Erfüllung. Doch seine Intention richtet sich nur auf das Individuum. Massenhafter Mord durch die Guillotine widert ihn an und es schwant ihm, dass die Revolution nichts verändern wird. Für ihn wie auch den Zuschauer bleiben am Ende viele Fragen offen.
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Doch in einem Schlusssong (inspiriert vom Schlager „Sag mir quando, sag mir wann” mit Caterina Valente aus den 60er Jahren) kippt die Anstaltsgruppe um in den Lobpreis der neuen Zeit unter der starken Hand des neuen Machthabers Napoleon – ohne den man sich das endlich geordnete Leben gar nicht mehr vorstellen kann.
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„Sag mir quando, sag mir wann | dieses Leben schön sein kann!” Anstaltsleiter Coulmier kann sich freuen: Endlich haben Ordnung, Sicherheit und Unterwürfigkeit wieder die Oberhand im Hospiz Charenton.
Das einfache Volk hat sich mit den neuen Umständen schnell angefreundet und dankt Kaiser Napoleon für das tägliche Brot. Plötzlich beginnt Joseph Kolland zu singen: „Sag mir quando, sag mir wann!“ Nach und nach stimmen alle mit ein und beginnen zu tanzen. Das Stück endet scheinbar heiter und unbeschwert, irgendwie „crazy“. Doch man hört noch Worte wie „Wann werdet ihr sehen und verstehen?“ und die Blicke der Zuschauenden wandern noch einmal zu den Fotos der Personen, die gerade die Geschicke der Welt in Händen halten.
Das Publikum belohnt die Schauspielerinnen und Schauspieler, Spielleiter Matthias Ferber und die Technikgruppe, welche die neuartige Bühne souverän und exakt ins Licht gesetzt hat, mit großem, lang anhaltendem Applaus.
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Blicke hinter die Kulissen: Das Technikteam (hier: Jonas Engelmann) hatte alle Hände voll zu tun, damit alles bei „Charenton. Nation. Revolution” wie geschmiert läuft.
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Das Kostüm- und Maskenkonzept lag ganz in den Händen der Nachwuchsschauspielerinnen und ‑schauspieler: In der Maske (hier: Johanna Haberl) gab es reichlich zu tun.
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Für das Sounddesign sorgte Adrian Sommer, der mit Trommel und digitalen Sounds dem ganzen Stück untergründige Atmosphäre, Wucht und unausweichliche Emotionalität verlieh.