In der Revoluzzer-WG: Dem eigenen Spiel begegnen

  • Die Theatergruppe der Oberstufe auf dem Weg nach München in den Marstall, die kleine Spielstätte des Residenztheaters: Alle sind gespannt auf die Aufführung von Peter Weiss’ Marat/​Sade” – fünf Wochen vorher haben die jungen Schauspieler dieses Stück in eigener Fassung in Augsburg aufgeführt.

Peter Weiss’ Drama Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade” – kurz Marat/​Sade” genannt – und seine Aufführung durch die Theatergruppe der Oberstufe in St. Stephans Großer Aula liegt fünf Wochen zurück: Da macht sich die Gruppe nach München auf, wo dasselbe Stück gerade am Residenztheater läuft. Wie wird das sein: Dem Charakter, mit dem man sich gerade über Wochen und Monate intensiv befasst hat, auf der Bühne zu begegnen? Eine ganz andere Inszenierungsidee und andere Strichfassung zu erleben?

Was in St. Stephans Produktion im März 2026 – ganz im Sinne von Peter Weiss – eine Heilanstalt für psychisch Auffällige war mit Patienten, Pflegern, einem Anstaltsdirektor und mutigen Ideen, wie man darstellerisch bis in die heutige Gegenwart und mitten ins Publikum hineinschwappen kann, das gerinnt in der Münchner Aufführung zu einer Sechser-WG von heruntergekommenen Revoluzzern. Marquis de Sade wie ein Trainer im Trainingsanzug, Jean Paul Marat wie ein Cordhosen-Philosoph und Priestermönch Jacques Roux wie ein vollbärtiger Gartenzwerg holen ganz ohne den Rahmen der Heilanstalt (kein schöngeistiger Direktor, keine überforderten Pfleger, keine verrückten Insassen!) auf ganz andere Weise den hochaktuellen Text in die Gegenwart.

Für die Gruppe um den Spielleiter Matthias Ferber war die Theaterfahrt ein erhellendes, wuchtiges, fast euphorisierendes Erlebnis: Dann auf ganz andere Weise, mit ganz anderen Mitteln und einer ganz anderen Spielidee traten dennoch die identischen Fragen ans Licht: Lassen sich Ich und Wir, Freiheit und Ordnung, Vielfalt und Normhaftigkeit überhaupt in Einklang bringen? Eines war aber schnell klar: Ein Stück bis in tiefe Details in- und auswendig zu kennen, schafft einen Zugang zu Inszenierung, Schauspielkunst und Aufführung von unvergleichlicher Qualität – worüber Johanna Haberl und Abischag Prem hier berichten:

  • Was in St. Stephan eine Irrenhaus-Situation mit über 20 Mitwirkenden war, verdichtet sich im Münchner Marstall zu einer heruntergekommenen WG mit sechs Bewohnern, die unter einer völlig veränderten Spielanlage zum selben gedanklichen Punkt vordringen: Was ist Freiheit? Was ist Gerechtigkeit?
  • Und wie kann jeder Einzelne darin sein Ich” bewahren? Beim Schlussapplaus im Münchner Marstall ist die begeisterte Anerkennung für die innovative Neudeutung des Peter-Weiss-Klassikers Marat/​Sade” riesengroß.

Am Freitag, den 24. April 2026, versammelte sich die Theatergruppe der Oberstufe vor dem Augsburger Hauptbahnhof, um in der Landeshauptstadt ein Theaterstück zu besuchen, das sie selbst vor kaum einem Monat mit großem Erfolg auf die Bühne gebracht hatte: Marat/​Sade von Peter Weiss. Die Erwartungen waren deshalb besonders hoch, und man betrachtete das Münchner Konzept zunächst sehr skeptisch. Man hörte Sätze wie: Wer kann professioneller Theater spielen und ein besseres Bühnenkonzept haben als wir?“ oder Sechs Leute – das ist ja lächerlich.“

Nach einer kurzen Zugfahrt in einem wie gewöhnlich vollen Zug erreichte die Gruppe den Marstall, eine der Aufführungsstätten des Münchner Residenztheaters. Dort betreten wir einen verhältnismäßig kleinen Raum, der mit einer schlichten Zuschauertribüne ausgestattet ist und so eine sehr intime Atmosphäre vermittelt. Die Bühne entpuppt sich weniger als solche, sondern vielmehr als die Wohnung einer wenig einladenden, abgeranzten Sechser-WG. Im selben Stil sind auch die individuellen Kostüme gestaltet. Sie sind zwar modern gehalten, erwecken jedoch den Eindruck, als wären sie seit dem Einzug nicht mehr abgelegt worden, um so die letzte persönliche Note in der sonst unpersönlichen Umgebung zu bewahren.

Die Inszenierung mit dem wenig fantasievollen Titel Marat/​Sade entlarvt sich im Laufe des Abends allerdings als ein rundum durchdachtes Konzept mit unglaublicher Tiefe, Präzision und Komik. Die Tatsache, dass sowohl Anstaltsdirektor Coulmier – wie ich schmerzlich feststellen muss – als auch die Pfleger gestrichen worden sind, da die Wohngemeinschaft, ähnlich einer Selbsthilfegruppe, eine eigene dynamische Struktur entwickelt, vergisst man spätestens dann, als die von de Sade namentlich benannten (Kohl-)Köpfe über die Bühne rollen, anschließend in die Luft geschleudert und von Duperret kunstvoll mit einer Axt in zwei Teile gespalten werden. Im weiteren Verlauf des Stückes werden sie immer weiter ausgeschlachtet und verwertet. Ein starker Geruch nach Kohl macht sich im Raum breit.

Besonders bemerkenswert sind die von Selbstzweifeln geprägten Ausführungen de Sades, in denen er versucht, seinem etwas verplanten Mitbewohner, der an diesem Abend in die Rolle des Marat und in die Badewanne schlüpft, seine Ansichten von Freiheit und Revolution zu vermitteln. Als er dies schließlich in einer urkomischen Interviewform tut, können wir uns vor Lachen kaum noch halten.

Davon angespornt scheint das kleine Theaterensemble den Rest des Abends direkt auf uns zuzuspielen und die schlafenden Zuschauer neben uns gar nicht mehr zu beachten. Ein Schuss – kein individueller Tod, wie es Sades Devise ist, sondern anonym und mechanisch – geht durch Mark und Bein und beendet letztendlich das Spektakel. Den tosenden Beifall saugen die Darsteller in vollen Zügen auf – mit einer Träne in den Augen.

Angesichts der großen Töne vor der Vorstellung verlassen wir wie begossene Pudel den Raum. Sophia Paula bringt es auf den Punkt: Sie haben nicht nur sich, sondern auch uns die Hosen ausgezogen!“