Temporeich durch viele literarische Räume

  • Literatur lernt sprechen 2026“ begann mit einem Solo-Text: Mit einem Monolog des Theatermachers“ nach Shakespeares Hamlet“ erweckte Judith Becker das 15-köpfige Ensemble und stellte es dem Publikum vor.
  • Texte und Fragmente aus der Lyrik der griechisch-antiken Dichterin Sappho hatte Evelyn Hirsch zusammengestellt und bot facettenreiche Liebesempfindungen zusammen mit einem Frauen- und Männerchor.
  • Ein Muschelessen“ aus Tolstois Anna Karenina“ zeigten Marc Hirsch und Victoria Moscaliuc: Es ging oberflächlich um Fingernägel, Manschettenknöpfe und das Schlürfen von Austern, im Tieferen aber um die Frage nach echter Menschenbildung.
  • Die Uraufführung bei Literatur lernt sprechen 2026“ bot Victoria Wohlfarth: Ihren Text Zeitengesang“ hatte Christoph Immler (am Klavier) als zeitgenössisches Kunstlied vertont.
  • Mit einem Spielgeschenk“ bedankte sich die (verbleibende) Oberstufentheatergruppe bei ihren (abgehenden) Q13-Mitglieder. Der Sandmann“ von E.T.A. Hoffmann verwandelte sich in ein Puzzle von Szenen …
  • … in denen die Traumata des Zentralhelden in überaus dichten, intensiven und körperbetonten Bildern lebendig wurden …
  • … und sich wie ein Puzzle von Interview-Schnipseln zu einem verstörenden Bild der Schwarzen Romantik“ zusammenfügten: Ein eindrucksvolles Abschiedsgeschenk!
  • Die Textcollage Torso“ vereinigte Lyrik von Rainer Maria Rilke, Adrian Sommer (Q13) und Prosa von Margaret Atwood, die um einen female body“ kreisten und Fragen zur Vernutzung und Ökonomisierung menschlichen Seins aufwarfen.
  • Drei Geschichten vom Herrn Keuner“ aus der Feder Bert Brechts wurden mit epischen Hinweisschildern zu einer spannenden Gedanken-Kaskade.
  • Das humoristische Theaterspiel wurde mit Texten von Loriot lebendig: Der Sketch Skat“ war zur Nummer Schafkopf“ umgetextet worden und büßte nichts an seiner verstörenden Heiterkeit und Absurdität ein.
  • Lessings Emilia Galotti“ zeigte eine Schlüsselszene: Die fromme, biedere Emilia (Johanna von Ciriacy-Wantrup) wird mitten im Gottesdienst von hinten vom Prinzen (Joseph Kolland), einem hemmungslosen Lüstling, aus der Andacht gerissen: Verstörende Bilder einer übergriffigen Welt!
  • Die Verstörung wurde weitergetragen ins Publikum: Ausschnitte aus einer skandalträchtigen Performance, die Klaus Kinski 1971 unter dem Titel Jesus Christus Erlöser“ vortrug, wurden in dokumentarischer Weise zum unmittelbaren Leben erweckt.

Heinrich Heine sagte einst: Von allen Welten, die der Mensch erschaffen hat, ist die der Bücher die Gewaltigste“. In einer Zeit, in der digitale Medien den Fokus von traditionellen Werken etwas weglenken, zeigte der Literarische Abend Literatur lernt sprechen“ einmal mehr, welche Kraft vom geschriebenen Wort ausgeht. Literatur eröffnet Räume für Botschaften und zwischenmenschliche Tiefe, die auch Jahre später neu entdeckt werden können.

Der Abend, der unter dem unermüdlichen Engagement von Studiendirektor Matthias Ferber den Abiturienten auf freiwilliger Basis die letzte Gelegenheit verschaffen soll, auf der Bühne des Kleinen Goldenen Saals Interpretationen von selbst ausgewählten literarischen Texten oder sogar eigenverfassten Werken zu präsentieren, lebt seit Jahren von seiner Vielfalt an Epochen, Inszenierungen und auch der ein oder anderen musikalischen Interpretation. So verhält es sich auch am Abend des 25. Juni, an dem der Abiturjahrgang 2026 als erster neuer G9-Jahrgang die Tradition nach einer kleinen Pause wieder aufgreift.

Was ist Theater?“, ein hergeleiteter Monolog aus der Theaterszene“ in Hamlet“ III, 2 (1602) von William Shakespeare, bot den wohl passendsten Einstieg, den man für diesen Abend wählen konnte. Denn er beschäftigte sich mit der Präsenz, die ein Schauspieler auf einer Bühne ausstrahlen muss, darunter mit welcher Mimik, mit welcher Gestik, mit welchem Einsatz der Stimmfarbe und Dynamik und nicht zu vergessen mit welcher Leidenschaft sich ein Publikum mitnehmen lässt.

Man könnte meinen die Schüler aus der Q13 haben diese Fragen für ihre weiteren Inszenierungen genau reflektiert, denn das wohl imposanteste Element der Spielkunst waren ganz klar die saubere Aussprache und die konsequente, unerschütterliche Mimik, die von den Schauspielern bei jedem Programmpunkt gekonnt eingesetzt wurde.

Bei Sappho von Lesbos’ Werk Aphrodite, ewig auf buntem Thron“ ließ der bewusst räumlich getrennte Wechsel von Frauenchor- und Männerchor-Passagen das Publikum die Zerrissenheit im Herzen spüren, die von zwei entgegengesetzten inneren Stimmen ausgeht.

Die Darbietung von Leo Tolstios Ein Austernessen“ aus Anna Karenina“ hingegen beförderte den Zuschauer charmant und lässig in das aristokratische Moskauer Restaurant Anglika“, in welchem er den Dialog der beiden Schauspieler wie ein Tischnachbar mitverfolgen konnte.

Eine unerwartete und schockierende Wendung nahm der Abend durch die Interpretation der Texte von Rainer Maria Rilke und Margaret Atwood sowie einen eigenverfassten Text von Adrian Sommer, die gemeinsam das Werk Torso“ ergeben. Was zunächst als sanfte Hinführung zur ästhetischen Kommerzialisierung des weiblichen Körpers erschien, verwandelte sich schlagartig durch laute Soundeffekte und Interventionen von ein paar Schauspielern: Eine Schaufensterpuppe, die nur den Oberkörper einer Person zeigte und neben einem gewaltigen Lippenstift das Bühnenbild ergab, wurde zerlegt, bemalt, in Folie gewickelt und mit sale“ markiert. Der Lippenstift wurde als Abschlussreflexion zerschlagen, ein Zeichen der Befreiung und des Protests. So gewalttätig der Akt wirkte, so klar zeigte er die Realität: Körper werden verkauft – in sexualisierter Autowerbung, in Kleiderhauls auf Social Media oder unbewusst, wenn Momfluencer ihre Kinder präsentieren – eine Realität, die nicht oft genug reflektiert werden kann!

Erfrischende Abwechslungen boten die musikalischen Einlagen, wie das Kunstlied Zeitengesang“, das von Viktoria Wohlfarth getextet und von Christoph Immler komponiert und mit Klavierbegleitung uraufgeführt wurde, und die Duettversion von Goethes Selige Sehnsucht“, das die Frage nach dem Tod behandelt.

Die Q12 bekam mit einer modernen Inszenierung von E.T.A. Hoffmanns Sandmann“ die Chance, die ehemaligen Mitglieder des Oberstufentheaters aus der Q13 gebührend zu verabschieden. In einer Interview-Struktur hinterfragte die Inszenierung didaktisch die Ursache für Nathanaels fortschreitenden Wahnsinn. Dabei wurde neben dem Advocaten Coppelius, der so schreckenbringend und grausam dargestellt wurde, dass sogar ein gestandener Mann sich fürchten müsse, auch Nathanaels Amme und sein Vater hinterfragt, die beide Mitschuld an einer frühen negativen Prägung in seiner Kindheit trugen. Die Amme flößte ihm das Märchen vom blutrünstigen und grausamen Sandmann ein, der Vater war zu sehr in seiner eigenen Machtlosigkeit gefangen, weshalb er trotz seiner Liebe zu Nathanael vor Coppelius für seinen Sohn nicht einstehen konnte. Gestützt wurde die starke Emotionalität durch starke Hebefiguren und wilden Körperkontakt – wahrlich kam die Zerrissenheit rüber sowie die blauen Flecken.

Sollte jemand denken, dass nur alte oder realitätsferne Werke aufgeführt worden sind, der wird definitiv eines Besseren belehrt: Mit Klaus Kinskis Jesus Christus Erlöser“ trägt ein Redner eine Weltansicht vor, die nicht vom ganzen Publikum geteilt wird. Wie bei politischen Debatten, bei denen Meinungen zu weit auseinandergehen, gerät auch hier der Sprecher mit dem Publikum in einen hitzigen Kampf, bei dem mal das ein oder andere Schimpfwort fällt. In einer Sache kann der Kleine Goldene Saal mit dem Bundestag mithalten – Lautstärke.

  • Schillers Räuber“ wurden mit der Eingangsszene lebendig: Basierend auf einem Regiekonzept von Nicolas Stemann warfen vier Spieler (Max Krapf, Marc Hirsch, Joel Dorn, Joseph Kolland) diese Sturm-und-Drang-Wucht in den Raum.
  • Poetry Slam hat bei Literatur lernt sprechen“ immer einen Platz: Maxima Mayer erreichte mit ihrem temporeichen, bildintensiven und rhythmisch schwingenden Text Hinter den Zeilen“ das Publikum. Die Frage, die sie verhandelte: Was ist eigentlich Identität?
  • Verkehrte Nacht“ hieß das poetische Werk von Joel Dorn, geschaffen nach dem Gedicht Verklärte Nacht” Richard Dehmels von 1896.
  • Selige Sehnsucht”, ein Stück Goethe’scher Poesie, in einer modernen Vertonung von Friedrich Gulda boten Joseph Kolland und Adrian Sommer als packendes Erlebnis.
  • Loriots Jodelschule“ weckt den Fleiß aller Schüler auf ironische Weise: Doppelbödig, bildungskritisch und sarkastisch zeigte dieser Sketch seine zeitkritische Dimension.
  • Das große Finale war Brechts Dreigroschenoper“ in einem Schnelldurchlauf, assistiert von Bertolt Brecht und Kurt Weill. Das ganze Ensemble kam auf die Bühne …
  • … um in ständig wechselnden Rollen schwungvolle Wechsel der Atmosphäre herbeizuführen …
  • … und den Machtkampf im Londoner Unterweltsmilieu zwischen Bettlern, Banditen und der korrupten Polizei zu zeigen …
  • … der beinahe in Mackie Messers Hinrichtung enden würde, wenn nicht plötzliche und strahlende Rettung erschiene.

Weitere Realitätsbezüge setzten selbstverfasste Werke: Maxima Mayer stellte sich der Frage nach der eigenen Identität, die nach dem Abi einmal mehr auftritt, und Joel Dorn dichtete das Werk Verklärte Nacht“ des Symbolisten Richard Dehmel zu Verkehrte Nacht“ um, um sich der Tatsache zu stellen, was Zweifel sei. Zwei wohldosierte Sketche von Loriot und eine temporeiche Schnellversion der Dreigroschenoper mit musicalhaften Zügen und tollen Gesangsnummern zeigten die Vielfalt und Spiellaune der 15-köpfigen Gruppe.

Die aufgezählten Beiträge sind bei weitem nicht alles Erwähnenswerte. Doch Literatur lernt sprechen“ schenkte zu viele Eindrücke, als dass man sie in einen Artikel fassen könnte.

18 Beiträge. Antike trifft Gegenwart. Spaß trifft Ernst. Eine wahnsinnige Fülle an einem heterogenen Programm, das auf dem Papier zunächst gerade für ein Publikum, das sich seltener mit dieser Materie beschäftigt, nach Langeweile oder Überforderung klingen kann. Doch was auf der Bühne geschah, entzieht sich fast der Realität: Es war Magie. Alte Texte bekamen plötzlich moderne Dringlichkeit, Gegensätze fügten sich, und das mitgenommene Publikum merkte nicht, wie die Zeit verging. Wie das gelingen konnte, bleibt rätselhaft – aber genau das machte den Abend aus. Somit wurde er vollkommen zu Recht mit Standing Ovations abgeschlossen!

  • Großen Applaus konnten die 15 Abiturientinnen und Abiturienten genießen, den das Publikum dankbar spendete.
  • Spielleiter Matthias Ferber freute sich ebenso über den gelungenen, vielschichtigen und temporeichen literarischen Abend zum Abitur 2026.