Start ins Vorwärtsleben
Es gibt Reden, es gibt Preise, es gibt Musik, vor allem aber gibt es Zeugnisse, wenn das Schülerleben mit der Überreichung der „Hochschulreife” sein Ziel findet. Nach einem Jahr Pause gab es in St. Stephan wieder einen mehrstufigen Abschluss – und zwar ab sofort wieder nach neun Gymnasialjahren.
Abschied nehmen heißt in St. Stephan immer auch: Spuren legen, nochmals sichtbar werden und Menschen versammeln: Beim literarischen Abend „Literatur lernt sprechen” am Dienstag, beim Abiturientenkonzert am Donnerstag und bei Abschlussgottesdienst und Zeugnisverleihung am Freitag. Traditionell folgt dann noch (diesmal eine Woche später) der Abiturball in der Eigenregie der Schülerinnen und Schüler.
Bei „Literatur lernt sprechen” im Kleinen Goldenen Saal verabschiedete sich ein starker Theaterjahrgang, der aber neben seinen langjährigen Bühnen-Matadoren auch neue Gesichter auf die Bühne brachte, so dass ein großes Ensemble von 15 Mitwirkenden seine literarisch-poetische Lieblingsstellen und überraschend vielfältigen Inszenierungsideen in kraftvolle zwei Stunden packte. Von nachdenklich bis humoristisch, von lyrisch bis dramatisch reichten die Beiträge, die zugleich aufschlussreiche und unerwartete Einblicke in das Lebensgefühl eines ganzen Jahrgangs boten. Was dem Publikum vor allem gefiel: Tiefgang mit Energie, Lebensmut mit Nachdenklichkeit.
Zwei Tage später gehörte das Podium im Kleinen Goldenen Saal der klassischen Musik. Auch hier hieß es Abschied nehmen von starken und berührenden Talenten in den Instrumentalensembles. Blockflöten, Waldhorn und Fagott, Violine und Posaune zeigten die Vielfalt des Instrumentalspiels an St. Stephan. Nach der Pause an einem lichtdurchfluteten, sommerlichen Abend kamen gleich sieben Sängerinnen und Sänger gemeinsam auf die Bühne und brachten mit dem „Champagnerlied” aus Johann Strauss’ „Fledermaus” gelöste Stimmung in den Saal. Außergewöhnlich endete der Reigen der Solobeiträge mit einem Doppelkonzert für Marimba und Vibraphone, gefolgt vom Großen Orchester mit der Sinfonischen Dichtung „Finlandia” von Jean Sibelius. Und als „Zuckerle” zum Abschied gab’s lateinamerikanische Klänge für Sopransaxophon – ein Abend mit viel Gemeinschaftsgefühl.
Am Tag des Abschieds, der sich bei jeder und jedem Einzelnen im Moment der Zeugnisübergabe vollzieht, traf sich die Absolvia 2026 zu einem ökumenischen Gottesdienst in der Stiftskirche, den eine Gruppe des Jahrgangs musikalisch gestaltete und P. Emmanuel – einer der Deutschlehrer des Jahrgangs – mit einer gedankenreichen Predigt zu Goethes „Iphigenie” versah. Nach dem obligatorischen Jahrgangsfoto mit allen im feinsten Zwirn kam man nun im Kleinen Goldenen Saal zusammen.
Grußworte prägten den ersten Teil. Uto Meier, emeritierter Professor für Religionspädagogik an der Katholischen Universität Eichstätt, sprach für die Goldene Absolvia und entwickelte tiefgreifende Gedanken, herausentwickelt aus seinen Erfahrungen an St. Stephan in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts. Er deutete das fraglose Geschenk des Lebens als Gabe und Aufgabe und entfaltete eine benediktinische Bildungserfahrung: Du bist willkommen und erwünscht – und du stehst in Verantwortung. Die Schule als Ort elementarer Bildung des Verstehens, des modellhaften Erfassens und des Schönen und Lebendigen möge auch den Jahrgang 2026 ein Leben lang tragen.
Andreas Segmüller, frisch gewählter Vorsitzender des Vereins der Freunde und Förderer des Gymnasiums bei St. Stephan, gratulierte von Herzen und arbeitete heraus, wie die Schule in neun Jahren ein Teil von jeder und jedem geworden ist, und somit jeder auch ein Teil der Schule. Im Begriff vom Freund und zugleich Förderer spiegelt sich diese doppelte Rolle, zu deren bewusster Übernahme er herzlich einlud mit dem Zuruf: „Auf die nächsten Kapitel des Lebens!”
Die zentralen Gedanken formulierte Schulleiter Alexander Wolf in seiner Rede unter dem Leitwort „Es ist Zeit”. Der Jahrgang 2026 als erster G9-Jahrgang hat – endlich wieder – Zeit geschenkt bekommen, ein zusätzliches Jahr zum Entdecken, Wachsen und Reifen, das die 2026er reichlich genutzt haben. Engagement, Mitgestaltung des Schullebens und Verantwortung tragen hier erkennbar das zentrale Thema der Freiheit.
Da ist die Unabhängigkeitserklärung der USA von 1776, das Grundgesetz der Bundesrepublik, die Nationalhymne. Deutlich wird: Freiheit steht nicht allein, als grenzen- und hemmungslose Selbstsetzung, sie braucht Recht und Einigkeit als Stützpfeiler. Und im Persönlichen muss sie gestützt sein auf Überzeugungen und Bewusstsein, die das Leben aus Launen und Augenblicksimpulsen herausheben.
Alexander Wolf stützte sich auf Joachim Meyerhoffs Roman „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke”, wo der Großvater dem Enkel (im Abiturientenalter) vorwirft, in einer Beobachterrolle festzustecken, in der die Welt „zu einem Ereignis-Zirkus degradiert” wird, statt im „konkreten Kontakt zum Koordinatensystem des Daseins” zu leben. Und Cicero fordert (in einem Satz des diesjährigen Lateinabiturs), dass nur der herrschen könne, der auch „cupiditatibus suis imperare potest” (in den Paradoxa Stoicorum), also Herr im eigenen Hause ist. Freiheit ist folglich nicht beliebige Ungebundenheit, sondern Lebensgestaltung in Verantwortung und Positionsbestimmung.
Wer dies tut, hinterlässt Spuren und reißt mit seinem Weggang eine Lücke, eine „entsetzliche Lücke”. Und als „weggehender” Absolvent begegnet er der Herausforderung der Freiheit, für die es keinen Erwartungshorizont gibt, sondern nur den Mut zur Selbstbestimmung in gewachsener Orientierung, zur Verantwortung in gewonnener Veränderungsbereitschaft.
Die letzten Worte überließ Alexander Wolf dem Dichter Paul Celan mit dem Gedicht „Corona”: „Es ist Zeit, dass der Stein sich zu blühen bequemt.” Wartet nicht ab, so Wolf, fasst Mut, macht aus dem Möglichen mit eurer je eigenen Kraft das Wirkliche! Tut es beherzt und zugleich – jenseits aller Funktionalität und Leistungsmessung – mit Gemüt und Sinn für das Lebendige. „Es ist Zeit, dass es Zeit wird.”
Die Zeugnisverleihung vollzog sich würdig, heiter und überaus individuell. Der Name jeder Abiturientin und jedes Abiturienten erklang, Zeit für ein Erinnerungsfoto mit dem Schulleiter wurde geboten und Würdigungen und Preise überreicht. Anna Hartl (Latein), Sarah Engel (Griechisch), Simon Thal (Biologie, Physik), Johannes Simmons (Informatik) sowie Luisa Schwarz und Jonathan Walcher (Musik) wurden gewürdigt. Den Sozialpreis des Elternbeirats erhielt eine überraschte Schülerin des Jahrgangs, die an vielen Stellen sich für andere einbrachte und dabei doch immer ganz sie selber blieb. Mit dem Satz „Wenn sie in eine Gruppe kommt, wird diese Gruppe stabil” drückte Ulrich Wohlfarth für den Elternbeirat aus, wofür Judith Becker geehrt wurde.
Ein Höhepunkt der Feier ist stets auch die Rede der Jahrgangssprecher, diesmal Emma Nordmeyer und Joel Dorn. Sie machten sich mit der Frage „Wer sind wir?” auf die Suche nach sich selbst. Dabei betrachteten sie ihren Jahrgang als Mischung aus „dynamisch, besserwisserisch, divers, exzentrisch”, als Versuchskaninchen der Gymnasialreformitis und als in der Stadt oft vorschnell abgestempelte „Eliteschüler”. Am Ende blieb eine ganz schlichte und zugleich selbstbestimmte Antwort: „Wer sind wir? Stephaner!”
Die Sprecherin der Elternschaft, stellvertretende Elternbeiratsvorsitzende Carolin Nordmeyer, folgte einem Gedanken von Sören Kierkegaard, dass das Leben nur rückwärts verstanden werden kann, aber zugleich nur vorwärts gelebt werden kann. Über all den Rückwärtsgedanken lud sie ein zum Vorwärtsleben voll Mut, Ideen und Leidenschaft. „Stürzt euch hinein!”
Die Oberstufenkoordinatorin Martina Wiegner schließlich bot den launigen Abschluss: Vor zwei Jahren hatte sie alle Namen der letzten G8-Absolvia in einer Verballhornungsgeschichte zusammengepackt, diesmal waren nun die Lehrer dran. Von „Weilandsack!” bis zum „tapferen Kapferle” reichten die Sprachpointen, garniert mit den Lachsalven der Zuhörerschaft.
Musikalisch reichhaltig umrahmt von den Absolventinnen und Absolventen ging die Feier über zu einem gemütlichen Zusammensein bei den heiß ersehnten kalten Getränken des Elternbeirats und den Köstlichkeiten der Gesunden Pause, wo sich Lehrer, Schüler und Eltern in vielen angenehmen, erinnernden und dankbaren Gesprächen begegnen durften.