Ein Mord auf offener Strecke

  • „Mord im Orientexpress” zeigte die Theatergruppe der Mittelstufe in einer dichten, sehenswerten Inszenierung. – Sie tun alle recht unbedarft, doch man ahnt, dass hier jeder jeden deckt!

Ein Zug bleibt in Jugoslawien auf offener Strecke in einer Schneewehe stecken – und ein Toter mit zwölf Stichwunden liegt in seinem von innen verriegelten Abteil. ​„Der Mord im Orientexpress”, ein Krimi von Agatha Christie, erwies sich Anfang Oktober als wunderbares Stück für eine Schultheatergruppe: Das Mittelstufentheater hatte sich den Stoff schon im vorigen Schuljahr ausgesucht und konnte jetzt unter Leitung der Theaterpädagogin Katja Leibold-Büchmann seine Jahresproduktion 2026 einem zahlreichen Publikum vorstellen.

  • Die Fahrt beginnt: Am Bahnhof rollen große Koffer und viele Menschen an – ganz rechts Detektiv Hercule Poirot hinter der Zeitung. Er hat gar keinen Bedarf nach vielen Menschen auf engem Raum.
  • Das Zugpersonal nimmt seine Arbeit auf, die Bühne wandelt sich ins Innere des Orientexpress. Die scheinbare wahllose Reisegruppe kommt zusammen.
  • In den Abteilen herrscht gute Stimmung: Die Damen beginnen ein Tänzchen, in das immer mehr Fahrgäste einsteigen …
  • … bis schließlich alle swingend mittanzen. Nur das baldige Mordopfer Samuel Ratchett (hinten) gehört nicht mit dazu. Was wie eine Musical-Einlage daherkommt, ist eine tiefsinnige Vorausdeutung auf die kommenden Ereignisse.
  • Denn auch zu den Schlafenszeiten ist nicht nur Ruhe und Beschaulichkeit im Orientexpress zu finden: Der Zug ist in einer Schneewehe auf offener Strecke stecken geblieben.
  • Und am anderen Morgen wird die Leiche gefunden: Samuel Ratchett ist tot, ermordet mit zwölf Messerstichen.
  • Poirot (links mit der Taschenlampe) deckt auf: Blutspuren sind allenthalben im Orientexpress zu finden.
  • Der große Detektiv mit der Schiebermütze deckt alles auf – um alles anschließend zuzudecken. Denn es hat einen der größten Widerlinge, einen Kindermörder, erwischt. Manchmal sollte die Wahrheit ungesehen bleiben …

Die zwölf jungen Mädchen und Buben aus den 8. bis 11. Klassen hatten die Rollen wunderbar aufgeteilt, die das facettenreiche Stück bietet. Da gibt es die Aufgeregten, die Stillen, die Eitlen und die Schüchternen. Sie alle bilden die Reisegesellschaft, abgerundet durch Monsieur Bouc von der Eisenbahngesellschaft und Hercule Poirot, den belgischen Meisterdetektiv. Er macht diese Reise, um endlich einmal nicht ermitteln und aufklären zu müssen.

Doch der mysteriöse Mord am wohlhabenden Amerikaner Samuel Ratchett reizt Poirots Spürsinn. Er kommt ihm auf die Schliche: Er heißt eigentlich Cassetti, ist ein übler Gangster und hat das Mädchen Daisy Armstrong entführt und getötet. Und Cassetti hat nicht bemerkt, dass alle zwölf Zuginsassen mit der Familie Armstrong in Verbindung stehen – von der Großmutter über die Patentante bis zu Kindermädchen und Chauffeur – und auf der Fahrt in planvoller Rachejustiz zusammengewirkt haben.

Die engagierte Gruppe spielte die Vielfalt dieser Charakterfiguren kraftvoll und spielfreudig aus. Schon das Zusammenkommen am Bahnhof, der Umgang mit den großen Koffern und teils auch üppigeren Kostümen der Damen und die hochschießenden Emotionen in der Enge des Zuges – durch verschiebbare Stellwände pfiffig dargestellt – boten kurzweiliges und spannendes Theater.

Besonders gelungen war eine Showeinlage mit Musik und Tanz, die beinahe schon verriet, dass diese nur scheinbar zusammenhanglose Reisegesellschaft im Kern ein gleichzeitiges, fein aufeinander abgestimmtes Ziel verfolgt.

Hercule Poirot findet die tatsächliche Wahrheit heraus und belässt es am Schluss bei der Lesart vom unbekannten Eindringling, der längst über alle Berge ist. Was für ein Schluss! Mord als moralisch akzeptable Form der Vergeltung! Das Publikum jedenfalls ging da problemlos mit und dankte mit großzügigem Applaus.

  • Großer ​„Bahnhof” beim Applaus für das zwölfköpfige Team des Mittelstufentheaters, in der Mitte mit Spielleiterin Katja Leibold-Büchmann, die sich für ihre engagierte Gruppe mitfreut.