ADHS verstehen: Fortbildung höchst anschaulich

  • Fortbilder Rubén Molina Schmalhofer macht experimentell und hochengagiert deutlich, wie sich ADHS-Betroffene fühlen.
  • „Stresslevel“ von ADHS-Patienten als Wasserbeutel, der sich gerne auch weiter füllt …
  • … da braucht es Entlastung im Augenblick, damit der Beutel nicht entgleitet.
  • Brausetablette zwischen den Zähnen? Kein Problem! Jetzt aber heißt es, sich gleichzeitig vier Bilder einprägen. Mit Körpererfahrungen verdeutlichte ADHS-Fortbilder Rubén Molina Schmalhofer, wie es Menschen mit diesem Defizit ergeht.

Haben Sie schon einmal mit einer riesigen Brausetablette im Mund versucht, sich vier Bilder genau einzuprägen, ohne dabei schlucken zu dürfen? Oder mit eingespielter Musik auf einem Kopfhörer einem Vortrag zu folgen? Dann hätten Sie zumindest für Minuten erlebt, wie es sich anfühlt, ADS bzw. ADHS zu haben: Immer wieder abgelenkt zu sein, wenn man doch eigentlich hochkonzentriert sein sollte. Der Augsburger Kinder- und Jugendpsychotherapeut Rubén Molina Schmalhofer informierte Lehrerinnen und Lehrer des Gymnasiums bei St. Stephan, u. a. mittels solcher Experimente, anschaulich und fundiert über das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS), das auch mit einer Hyperaktivität einhergehen kann (ADHS).

Rein statistisch gesehen, so Molina Schmalhofer, der von der Schulpsychologin Karina Staffler zu dieser Lehrerfortbildung eingeladen worden war, trete die neurobiologische Störung bei rund 5% aller Kinder und Jugendlichen auf. Und diese sei auch erst seit den 1990er Jahren stärker in das Blickfeld von Wissenschaft und Pädagogik geraten, obwohl das Phänomen bereits in früheren Jahrhunderten bekannt gewesen sei, etwa unter der Bezeichnung „Zappelphilipp“.

Molina Schmalhofer stellte den Lehrerinnen und Lehrern das Bündel an Symptomen vor, die den betroffenen Kindern und Jugendlichen zu schaffen machen: unter anderem das z. T. unwillkürliche Wegdämmern, oftmals unbewusst angewandte Aktivierungsversuche, um sich wieder auf eine Aufgabe zu fokussieren, die jedoch vom Umfeld eher als Störungen aufgefasst würden, sowie die Schwierigkeit bestimmte Details aus der Vielfalt der Sinneseindrücke zu filtern.

Herr Molina warb für Verständnis und betonte, wie sehr sich diese Kinder bemühten, den Anforderungen von Schule und Familie zu genügen – um dann immer wieder frustriert hinter eigenen Erwartungen und denen des Umfeldes zurückzubleiben. Auch wies er darauf hin, mit welch hohem Stressniveau die Betroffenen oftmals den Tag begännen, wie schnell sich dieses steigere und wie wenig Wissen über sich selbst sowie über hilfreiche Stressbewältigungsstrategien betroffene Kinder und Jugendliche oftmals besäßen. Molina Schmalhofer veranschaulichte dies mittels Plastiktüten (die Lehrkräfte jeweils mit zwei Fingern zu halten hatten), in die er je nach Stresslevel Wasser goss und entsprechend zur Qualität der Stressbewältigung größere oder kleinere Löcher zum „Stressabbau“ bohrte. Kinder mit ADHS beginnen an sich schon mit einem höheren Stressniveau und kennen oft kaum adäquate Möglichkeiten des Stressabbaus. Der daraus resultierende Dauerstress sei kaum zu ertragen.

Genau hier setzt der Kinder- und Jugendpsychologe an und zeigte Strategien auf, um aus einem oft entstandenen „Teufelskreis“ einen „Engelskreis“ zu formen, sodass die Kinder und Jugendlichen mit ADS bzw. ADHS gestellte Anforderungen bewältigen und diese aktiv gestalten könnten. Eine erste Voraussetzung bestehe in einer fachlich fundierten Diagnostik, weil nur auf dieser Basis eine Klasse verstehen kann, warum mit einem Kind anders umgegangen werden muss. Neben einer guten Beziehungsarbeit zwischen Schule, Kind und Elternhaus braucht vor allem das Kind klare Information über seine Besonderheiten und muss mitgenommen werden auf dem gemeinsamen Weg nach funktionierenden Formen der Aktivierung und der Selbstmotivierung. Letztlich bietet all dies die Grundlage dafür, dass Kinder mit diesem Handikap ihre Potenziale in gesunder Weise entfalten können.