All of me – „Romeo und Julia“

Die Liebe bricht über das berühmteste Paar der Weltliteratur herein wie eine Naturgewalt. Da muss nichts wachsen, nichts sich entwickeln oder gar gepflegt werden. Die Liebe ist da. Die Liebenden kennen keine Vorbehalte, sie zögern nicht, sie geben einander alles. Ihr Vertrauen ineinander ist so absolut wie ihre Ungeduld endlich einander zu gehören.

Ihnen wird nur wenig Zeit bleiben, denn von Beginn an wird klargestellt, dass Hass und Gewalt nicht überwunden werden können. Erst der Tod der Liebenden vermag das bis dahin Unmögliche, die Versöhnung. John Legends Ballade, die immer wieder gesummt wird, macht die Radikalität und Unbedingtheit dieser Liebe symbolträchtig deutlich.

Das Mittel- und Oberstufentheater des Gymnasiums bei St. Stephan unter der gewohnt kreativen Leitung von Elke Sandler macht aus Shakespeares Drama ein gleichermaßen unterhaltsames wie auch berührendes Erlebnis. Die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler haben sichtlich Freude an den actionreichen und exzellent choreographierten Massenszenen, in denen die verfeindeten Gangs der Capulets und der Montagues aufeinandertreffen. Körper und Stimmern werden nicht geschont, wenn es darum geht, den Kontrahenten die eigene Überlegenheit vor Augen zu führen. Die Schwertkämpfe werden fast, aber nur fast, mit Laserschwertern ausgetragen und das Beschmieren sowohl des getöteten Feindes als auch des eigenen Körpers mit Kunstblut ist eine ausdrucksstarke archaische Geste, die an alte Rituale erinnert, aber auch die Sinnlosigkeit jeden Blutvergießens anmahnt.

Gespielt wird in einer Arena, direkt vor den Augen des Publikums. Alles wird so unmittelbarer und erlebbarer: der Hass, die Kämpfe, das Sterben, aber eben auch die Liebe. Die eigentliche Bühne kommt nur selten zum Einsatz: Von hier aus mahnt der Fürst die verfeindeten Familien, verheiratet Bruder Lorenzo (grandios verkörpert von Adrian Knöll) das junge Paar gleich dreimal und erinnern aufgehängte Faschingsmasken daran, welch geringen Teil eines Menschen Namen und Äußerlichkeiten ausmachen.

Die Hauptrollen sind jeweils dreifach besetzt: Es gibt drei Julias (Marie Wörle, Elisabeth Nittka, Annika Kigle) und drei Romeos (Serge Mateso, Joshua Wölfel, Leon Schwede). Das eröffnet eine Fülle von unterschiedlichen Perspektiven auf die beiden Hauptfiguren, denn die Julias sind wohl ähnlich gekleidet, aber eben nicht gleich; jede fügt mit ihrem besonderen Spiel der Person Julia eine neue und spannende Facette hinzu. Für die Romeos gilt dies natürlich auch. Die verschiedenen Deutungsmöglichkeiten gipfeln u. a. in der erwähnten Hochzeitsszene, denn wo während der ersten Trauung noch feierliche Worte gesprochen werden, signalisieren das zweite und dritte Paar, dass sie auf derlei Formalitäten eigentlich gerne verzichten möchten.

Generell ist der Text auf das Allernotwendigste zusammengestrichen, sodass die Handlung gerade noch verständlich bleibt. Dies kommt den jungen Schauspielern entgegen, die bei allem Enthusiasmus und trotz großen Talents beim Sprechen der Blankverse noch nicht ganz perfekt sind. Eine Ausnahme bildet hier Christoph Reichensdörfer als Mercutio, der in seiner Rolle vollkommen frei und sicher agiert. Den Höhepunkt und zugleich die berührendste Szene des Abends liefern – zwei Julias (sensationell: Elisabeth Nittka und Annika Kigle), die die Hochzeitsnacht des Liebespaares stumm, aber mit großer emotionaler Intensität und ungeheuer ausdrucksstark darstellen, während zwei andere Paare die ikonischen Verse dazu sprechen.

Das Ende kommt dann sehr schnell, die Liebenden zögern nicht einen Moment, dem anderen in den (vermeintlichen oder wirklichen) Tod nachzufolgen; „all of me“ haben sie sich versprochen und lösen es ein.

Die Ovationen für Regie, Schauspiel und Bühnentechnik zeigen: Es war ein wunderbarer und begeisternder Theaterabend.