Auf der Brücke zwischen Schule und Universität

  • Schulleiter Alexander Wolf bei der Vorbesprechung der Frühlings-Schülerakademie: Wie werden die besten Seminararbeiten der Q12 am Akademievormittag präsentiert?
  • Stellvertretender Schulleiter P. Emmanuel begrüßte die Schülerinnen und Schüler aus den 10. und 11. Klassen zur Schülerakademie: Sehr guten Arbeiten soll ein Raum gegeben werden, um das wissenschaftliche Arbeiten und Präsentieren für die nachfolgenden Jahrgänge lebendig werden zu lassen.
  • So schaut die Frühlings-Schülerakademie aus der Sicht des Referenten aus: Ein waches und aufmerksames Publikum.
  • Joseph Löw stellt vor, wie er Jules Vernes Roman „In achtzig Tagen um die Welt“ auf Realitätsnähe überprüfte: Mathematik, Geographie und Literatur begegnen sich in dieser Arbeit.
  • In Chiara Königs Referat geht es um Herausforderungen für die Demokratie – am Beispiel der AfD.

Hinter der „Schülerakademie“ an St. Stephan steckt eine wertvolle Idee: Schülerinnen und Schüler der 10. und 11. Klasse – also noch voll „schulisch“ – werden an wissenschaftliches und universitäres Arbeiten und Präsentieren – schon richtig „akademisch“ – herangeführt, indem andere ihnen Ergebnisse ihrer Arbeiten an einem Akademievormittag vorstellen. Im Anschluss daran tauschen sich Präsentierende und Zuhörer darüber aus. Denn in der Art und Weise, wie den praktisch orientierten P-Seminaren Aufmerksamkeit zuteil wird (bei der Veranstaltung „Projekte ans Licht“), sollten auch die Arbeiten der W-Seminare gewürdigt werden. An der Bezeichnung „wissenschaftspropädeutisch“ lässt sich schon die Vorbereitung auf wissenschaftliches Arbeiten erkennen. Pater Emmanuel wollte sie nämlich nicht unbeachtet „in der Schublade“ verschwinden und verstauben lassen und schließlich schreddern müssen. Daher rief man diese Frühjahrs-Schülerakademie ins Leben.

Dieses Jahr stellten sechs Schülerinnen und Schüler aus der Q12 noch kurz vor ihrem Abitur die Ergebnisse ihrer Arbeiten vor Publikum vor. Um alles entspannt angehen zu können, wurde der Veranstaltungsbeginn eine Stunde vorverlegt – geschuldet war dies der großen Anzahl an Vortragenden.

Es ging direkt los mit der ersten Präsentation, nämlich: „In 80 Tagen um die Welt – realitätsnah?“ aus dem Fach Mathematik. Ein wahrhaft spannendes Thema, bei dem die gereisten Strecken aus dem Roman nachgestellt und berechnet wurden. Das Fazit vom Referenten Joseph Löw: Verblüffend realitätsnah! In der anknüpfenden Frage- und Diskussionsrunde, die auf jede Präsentation folgte, ging es um die angewandten Methoden sowie auch um das „filternde“ Lesen, nur auf Daten und Zahlen achtend, das für die Arbeit notwendig war.

Der nächste Vortrag: „Die AfD und der Rechtspopulismus – eine Gefahr für die Demokratie?“ von Chiara König im Fach Sozialkunde zeigte den Schülerinnen und Schülern Geschichte und Strategien der AfD. Sie gab ihren Zuhörern auch methodische Einblicke, etwa in das Inhaltsverzeichnis ihrer Arbeit. Fragen über ein Parteiverbot gab es, die differenziert reflektiert wurden: Regierungsbeteiligung, Kooperationsverweigerung anderer Parteien oder innere Zerstrittenheit kamen da zur Sprache. Das Interessante war natürlich die Aktualität des Themas, welche Quellen lassen sich nutzen und wo hört man auf. So hätte es beispielsweise kurz vor Abgabe der Arbeit die Bundestagswahl gegeben …

Nach einer Pause wurden Themen über schuldige Personen aus der NS-Zeit vorgestellt: Talitha Moser sprach über den durchaus bekannten Dr. Valentin Faltlhauser aus Kaufbeuren: „Schuld ohne Sühne?“ Dieser war vor der Machtübernahme als ordentlicher und humaner Arzt tätig, der die „offene Fürsorge“ ins Leben rief. In der Zeit des Dritten Reiches wandelte er sich und hatte maßgeblichen Anteil am Euthanasie-Programm. Sein Wirken war jedoch ambivalent. Das Urteil des zuständigen Gerichts in Augsburg fiel himmelschreiend milde aus. Dieses Thema bot viel Stoff zur Diskussion.

Die zweite, eher unbekannte Person, Hermann Kirchdorfer, präsentierte Maximilian Schäffer. Seine Seminararbeit, ebenfalls im Fach Geschichte, behandelt dessen Entnazifizierung en detail. Kirchdorfer war Mitglied der NSDAP und Vertreter der NS-Ideologie. Als fähiger Jurist konnte er sich allerdings aus der Schlinge ziehen. Die Zuhörerschaft tendierte dazu, ihn in die zweithöchste Täterkategorie einzuordnen – schlussendlich galt er jedoch nur als Mitläufer. Dazu trugen auch eine eidesstattliche Erklärung eines ehemaligen Schulleiters von St. Stephan sowie seine humanistische Bildung bei.

Im fünften Vortrag stellte Melina Albandopulos anhand der Netflix-Serie „Damengambit“ ihre Arbeit mit dem Titel „Schach – Psychische Erkrankungen“ vor. In der Arbeit im Fach Deutsch ging es um die Protagonistin Beth, sie versucht ihre post-traumatische Belastungsstörung mit dem Schachspiel zu verarbeiten. Themen wie Rauschmittelabhängigkeit, Spiel-, insbesonder Schach-Sucht, Libriumpillen zur Visualisierung der Schachstrategien, Alkohol etc. werden erläutert – genauso wie das Happy End.

Zum krönenden Abschluss noch etwas ganz Bizarres: „Die Schönheitstipps des Liebeslehrers“ aus dem Fach Latein von Lilly Eding. Bei besagtem Liebeslehrer handelt es sich um den römischen Dichter Publius Ovidius Naso, besser bekannt als Ovid. Grundlage war das dritte Buch seines Werks „Ars amatoria“ – „Liebeskunst“. Das Make-up hat sich in 2000 Jahren nicht sonderlich verändert; bis auf die Tatsache, dass man sich heutzutage keinen Krokodilkot oder Blei mehr ins Gesicht schmiert. Toxisch ist manches dennoch. Wichtig waren frisierte Haare, ein blasser Teint, umrandete Augen und leicht rote Lippen. Die Frisur solle von Vermögen, Gesichtstyp und Haarstruktur abhängig sein, so Ovid. Auch über seine womöglich revolutionäre Einstellung zum weiblichen Orgasmus wurde berichtet.

Welcher Vortrag war der beste? Da man die Arbeiten ehren und nicht verhallen lassen wollte, konnte die Zuhörerschaft per Mentimeter-Abstimmung entscheiden. Als bester Vortrag trat der von Maximilian Schäffer hervor, den zweiten Platz belegte Chiara König, Dritter wurde Joseph Löw. Diese drei sowie die anderen Vortragenden Melina Albandopulos, Lilly Eding und Talitha Moser erhielten Büchergutscheine.

So lebte die langjährige Tradition der Schülerakademie ein weiteres Mal auf nach der langen Corona-Unterbrechung. Sehr gelungen! Von diesen sechs Seminararbeiten, die sich besonders durch eigene wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihrem Thema hervorheben, während in der Regel W-Seminararbeiten das Zusammentragen bereits vorhandener Quellen leisten, konnten alle Zehnt- und Elftklässer viel lernen und mitnehmen. So funktioniert die Idee der Schülerakademie, ein besonderes Ereignis, ein großartiges Projekt!

Man sollte vielleicht die Teilnahme mehr Schülerinnen und Schülern ermöglichen. Vielleicht könnte man das Dabeisein für alle freiwillig gestalten. Die aktuellen Zehntklässler jedenfalls dürfen hoffentlich auch nächstes Jahr noch einmal teilnehmen.