Das Wir-Gefühl als Frucht der Herausforderung

  • So wird ein Abiturzeugnis in Corona-Zeiten überreicht: Abstand der doppelten Armlänge bei Vermeidung eines direkten Blickkontaktes.
  • Und so wurde Vinzent Holzapfel für das beste Lateinabitur ausgezeichnet: Er durfte sich seine Ehrennadel des Deutschen Altphilologenverbandes selbst vom Tisch nehmen.
  • Die Nutzung des Kleinen Goldenen Saales unter Pandemiebedingungen führte zu drei Terminen für jeweils 25 Schülerinnen und Schüler mit ihren Eltern.

2020 wird ein guter Jahrgang! Das Abitur, das lange mit großer Unsicherheit und dem Gefühl allzu vieler Minderungen verbunden war, entpuppte sich bei der Zeugnisverleihung am 17. Juli als eine außergewöhnlich intensive Erfahrung. Schulleiter Bernhard Stegmann brachte es auf den Punkt: „Bedauern ist nicht konstruktiv.“ Viel konstruktiver ist es zu sehen, was in den vergangenen Monaten geschafft wurde: Gegenseitige Ermutigung, stärkerer Kontakt, Bündelung der Kräfte, konzentrierte Vorbereitung. Heißt es sonst immer „Wir haben es geschafft!“, so hat die Absolvia 2020 das Gütesiegel „Wir haben es geschafft!“

Diese Neuentdeckung des Wir-Gefühls nannte Stegmann die entscheidende Blaupause für alle künftigen Herausforderungen. Damit sind die Abiturientinnen und Abiturienten dieses Jahres mit einer Erfahrung ausgestattet, die weit über jugendliche Freiheitsgefühle und die Unbeschwertheit eines Abitursommers hinausgeht: Wir sind vorbereitet auf all das, was da kommen mag, weil wir die kraftvolle Idee des Wir erfahren und gelingend erprobt haben.

Die Entscheidung der Schule, von einer Zeugnisübergabe im Rokoko-Rahmen des Kleinen Goldenen Saales nicht abzugehen, führte zu einem dichten und einprägsamen Format. Mit rund 80 Personen im Saal konnte der Jahrgang in der Aufgliederung seiner Mathematik- und Deutschkurse in drei Veranstaltungen jeweils eine Stunde zusammenkommen und die Eltern konnten ihre Jugendlichen begleiten und den bewegenden Moment der Zeugnisübergabe miterleben.

  • Polina Kuzmina (Gruppe 1) bot das Klavierstück „Black Earth“ von Fazil Say.
  • Cornelius Geirhos (Gruppe 1) an der Gitarre bot „Autumn leaves“ von Joseph Kosma.
  • Julia Maucher (Gruppe 2) brachte einen furiosen „Walzer op. 64, No. 1“ von Frederic Chopin zu Gehör.
  • Felix Schneider (Gruppe 2) gestaltete die Zeugnisübergabe mit „Le Coucou“ von Louis-Claude Daquin am Klavier.
  • Judith Gayler (Gruppe 3) spielte am Cello ein Adagio (BWV 1028) von Johann Sebastian Bach.
  • Nicolas Weißerth (Gruppe 3) interpretierte auf dem Vibraphon das Stück „Ikone Nr. 3“ von Bertold Hummel.

So war an diesem Freitag alles dreifach: Die Schulleiterworte, die kleinen musikalischen Beiträge und die Reden von Schüler- und Elternseite. Musiklehrer Bastian Walcher hatte aus jeder der drei Schülergruppen feine und hygienekonzepttaugliche Musikstücke für Klavier (Polina Kuzmina, Julia Maucher, Felix Schneider), Gitarre (Cornelius Geirhos), Cello (Judith Gayler) und Vibraphon (Nicolas Weißerth) zusammengestellt, die berührten.

  • Der Sprecher der Schülerschaft von Gruppe 1 war Paul Nusser: Er reflektierte die Erfahrung des Aufbruchs.
  • Als Sprecherin der Gruppe 2 trat Cara Berlis ans Mikrophon: Ab jetzt haben wir die Bausteine unseres Lebensweges selbst in der Hand!
  • Kay Dafler formulierte in seiner Schülerrede vor Gruppe 3 die Erfahrung der bewussten Selbstentfaltung, die die Schulzeit für jede und jeden einzigartig macht.
  • Christine Sommer, langjährige Elternbeirätin und Beiratsvorsitzende, sprach in Gruppe 1 für die Elternschaft: Ihr habt als Pandemie-Jahrgang viel über das Leben gelernt, und damit für das Leben gelernt.
  • Rechtshistoriker Prof. Dr. Christoph Becker ergriff in Gruppe 2 für die Eltern das Wort: Das Reifezeugnis ist kein Moment des Abschlusses, sondern des Durchstartens.
  • Monika Schuster verlieh als Elternsprecherin der Gruppe 3 ihrem Dank Ausdruck: Mit ihrem jüngsten Sohn verlässt auch sie als Mutter nach vielen Jahren St. Stephan – und blickt auf vielfältige Erfahrungen der Unterstützung und Verbundenheit zurück.

Für die Schülerschaft sprachen Paul Nusser, Cara Berlis und Kay Dafler. In allen drei Reden ging es neben der früheren Minderhygiene des Jahrgangs (dem nachdenklich stimmenden „Untergang“ des Oberstufenzimmers) auch um die coronabedingte Überhygiene (ein anonymer Brief aus der Q12 an die Lokalzeitung, durch den eine Anwesenheitsliste zum öffentlich debattierten Infektionsrisiko fehlgedeutet wurde). Viel eindrücklicher aber empfanden die jungen Redner das breite Erlebnis von Bildung und gelebtem Miteinander als prägende Erfahrung an St. Stephan: Da wurde gedankt und geahnt, dass all das lebensformend werden kann.

Für die Eltern sprachen die frühere Elternbeiratsvorsitzende Christine Sommer, Rechtshistoriker Prof. Dr. Christoph Becker und Monika Schuster, die mit ihrem dritten Sohn auch selbst auf ihre lange Zeit als Mutter an St. Stephan zurückblickt. Christine Sommer ging eindringlich auf die Corona-Erfahrungen des Abiturjahrganges ein: Das „Höher, schneller, weiter“ sei gestoppt, sicher sei in der globalen Pandemie nichts mehr. Damit sei die zentrale Frage gestellt: In welcher Gesellschaft wollt ihr leben? Durch Lehrer, die zur Eigenständigkeit ermuntert haben, und Eltern, deren Fürsorge gestärkt hat, ist der Weg zu einer existenziellen Freiheit angebahnt. Nicht mehr Sicherheit, sondern die Offenheit des Möglichen sei der Ausblick des Abiturjahrganges 2020.

 

Christoph Becker lud mit einem Horazspruch, der an „seinem“ Quirinius-Gymnasium in Neuss an der Fassade zu lesen ist, zur Reflexion über Bildung ein: „Doctrina vim promovet insitam.“ – Der Unterricht bringt nur Kräfte voran, die bereits angelegt sind. In diesem Sinne ist das Abitur kein Abschluss, sondern die Kraft für weitere Schritte, aus denen dann ein Lebensweg werden kann. Ermunternd lud Becker die Abiturienten zu diesem Weg ein.

 

Monika Schuster zeichnete in ihren Worten das Bild einer lebendigen Schule, in der neben den Kindern auch die Eltern und Familien vielfach willkommen waren zu Konzerten und Veranstaltungen, vor allem aber zu Gesprächen und Gedankenaustausch. Hier und jetzt sei der rechte Augenblick, diesen geschützten Raum Schule ein letztes Mal dankbar zu genießen.

  • „Wir haben es geschafft!“ – Mit Betonung auf dem „Wir“: Diesem Gedanken des Wir-Gefühls folgte Schulleiter Bernhard Stegmann in seiner Rede zur Zeugnisverleihung der Absolventinnen und Absolventen.
  • Aus der ungewohnten Situation des jeweils nur zu einem Viertel belegten Saales holte Schulleiter Bernhard Stegmann neue Gedanken hervor: Der Corona-Jahrgang 2020 darf auf seinen Abschluss mit berechtigtem Stolz blicken.
  • Nicola Kost war über den Sozialpreis des Elternbeirates angenehm überrascht, der ihr für ihr vielfältiges Engagement überreicht wurde.
  • Raphael Schuster wurde als Absolvent mit dem besten Mathematik-Abitur ausgezeichnet.
  • Kurs 1 ließ es sich nicht nehmen, seinen beiden prägenden Lehrkräfte, Stefan Weber (Mathematik, links) und Markus Müller (Deutsch, innen), mit einer kleinen Gabe Dank zu sagen.
  • Bei der Abiturentlassung – gewöhnlich stets Ende Juni – ist der Kleine Goldene Saal bestens gefüllt: Im Corona-Jahrgang gab es viele Durchblicke und viel Aufmerksamkeit füreinander.

Besonders gewürdigt wurde das Engagement von Schülerinnen und Schülern: Neben Anerkennungspreisen in Form von Urkunden, Büchern oder Anstecknadeln in den Fächern Latein, Biologie, Physik oder Mathematik verlieh der Elternbeirat, vertreten durch Schulleiter Stegmann, seinen Sozialpreis an Nicola Kost für vielfältiges Engagement. Vom Bibliotheksdienst in der Lernmittelbibliothek über die Tutorentätigkeit im Tagesinternat bis zum ehrenamtlichen Wirken in Jugendstrafverfahren reicht die Palette von Nicolas Wirken. Sichtlich überrascht nahm sie freudig den Preis entgegen. Den Musikpreis, beruhend auf einer Stiftung, durfte in diesem Jahr Polina Kuzmina für ihr vielfältiges Wirken als Musikerin, Klavierbegleiterin und Konzertorganisatorin in Empfang nehmen.

  • Aufmerksam lauschen die Gäste den Gedanken von Schulleiter Bernhard Stegmann.
  • Lichtdurchflutet, freundlich, virusunbedenklich: So sah es im Kleinen Goldenen Saal bei der Zeugnisübergabe aus.

Jeweils nach rund 50 Minuten waren die drei Zeugnisverleihungen beendet. Und wo sonst der Elternbeirat stets zu einem großen Büffet einlädt, hielten die einfallsreichen Beiratsmitglieder für jede Abiturientin und jeden Abiturienten ein kleines Sektfläschen bereit als Zeichen der Verbundenheit: „Alles Gute für das Leben!“ – Und schon schlüpften alle hinaus, gemäß tief eintrainierter Hygieneregeln auf Sicherheit bedacht, doch voller Wir-Gefühl …