Der König der Wörterbücher

  • Beim Besuch des „Thesaurus“ in der Münchner Akademie der Wissenschaften gab es von Information und Gespräch …
  • … bis zum forschenden Griff in einen Zettelkasten für die Oberstufen-Lateiner von St. Stephan viel Neues zu erfahren.
  • „Geballtes Latein“ in einem der größten sprachwissenschaftlichen Forschungsprojekte der Welt: Der „Thesaurus linguae Latinae“.
  • Ein Blick in den Zetttelkasten-Schatz des „Thesaurus linguae Latinae“, ausgehend vom Wort „a“.

Wer den Begriff „Thesaurus“ hört, mag im ersten Moment wohl an den König der Dinosaurier denken, den Tyrannosaurus Rex. Mit dem Anhängsel „linguae Latinae“ wird das Ganze jedoch etwas klarer; Es geht um ein Wörterbuch der lateinischen Sprache. Aber wohl um kein konventionelles Wörterbuch; Wo der Stowasser in der Leichtgewicht-Klasse ist, ist der Thesaurus in der Schwergewicht-Klasse. Denn er hat den Anspruch, jedes einzelne Wort des antiken Latein zu listen, jede Textstelle, in der das betreffende Wort vorkommt, und alle Bedeutungs- und Interpretationsmöglichkeiten. Ein Anspruch, der eine Arbeit von über hundert Jahren und vielen weiteren Jahren in der Zukunft voraussetzt. Wie, wo und von wem diese Arbeit ausgeführt wird, wurde den beiden Lateinkursen der elften Klasse unseres Gymnasiums in einer Führung durch das Zentrum der historischen Sprachwissenschaften in München nahegebracht.

Im Rahmen einer schulischen Exkursion Mitte Dezember letzten Jahres gelangten meine Mitlateiner/-innen und ich unter Anleitung von Pater Emmanuel Andres und Herrn Wübbena zum Münchner Hauptbahnhof, von wo aus uns ein kurzer Weg zu Fuß durch die Münchner Innenstadt zum Zentrum der historischen Sprachwissenschaften führte. Hier – so wurde international entschieden – soll der Thesaurus aufwachsen. Im Gebäude empfing uns Dr. Manfred Flieger, der geschäftsführende Sekretär des Projektes Thesaurus, um uns einen prächtigen Treppengang hinauf in und durch die Höhle des Königs zu führen, dort, wo der Thesaurus lebt und aufwächst.

Der Höhlenvorraum steht voller Bücherregalen und Arbeitsplätzen, an denen einige Studenten, Doktoranden, Professoren und viele mehr fleißig daran arbeiten, den Thesaurus zu füttern. Auch wenn dieser Blick allein schon beeindruckend war, so faszinierte der Hauptraum noch viel mehr, der das Zeugnis von über hundert Jahren Arbeit birgt.

  • Beim „Theasaurus linguae Latinae“ gibt es Zettelkästen voller Freude, hier etwa von „gaudeo“ bis „gaudibundus“.

Alle Wände des großen Raums sind förmlich bepflastert mit sogenannten Zettelkästen. Auf jedem Kasten ist ein Schild angebracht, auf dem ein lateinisches Wort steht; Das Wort, das der jeweilige Kasten behandelt. Wie der Name schon sagt, befinden sich in jedem Kasten Zettel, genauer gesagt rund tausend pro Kasten, von denen wiederum jeder genau eine Stelle aus einem lateinischen Werk enthält, in der das behandelte Wort vorkommt. Diese hohe Anzahl an Textstellen erklärt sich auch dadurch, dass nicht nur die großen Werke, die jedem aus der Schulzeit bekannt sein sollten, sondern auch alle Inschriften, Schriftzüge und absolut jede noch so kleine Quelle ausgewertet werden. Dr. Flieger zeigte uns das am Beispiel einer Bierbestellung aus einem Römerlager, die in ein Stück Holz geritzt ist. Jeder einzelne Zettel eines Zettelkasten zeigt einen Kontext, in dem ein Wort vorkommt, und bekommt somit einen Eintrag im Thesaurus. Nimmt man die Anzahl der Zettelkästen Mal tausend Zettel pro Kasten, so kommt man auf eine Zahl von rund zehn Millionen Zetteln, was selbst für über hundert Jahre Arbeit nicht nur beachtlich ist, sondern als einer der größten Beiträge der Sprachwissenschaft angesehen werden darf.

Nun kann man die Frage in den Raum stellen, ob die Methode der Zettelkästen im Zeitalter der Technologie nicht veraltet ist. Man könnte ja beispielsweise einen Computer alle Werke auf ein Wort untersuchen lassen. Allerdings könnte ein Computer immer nur eine Form eines Wortes erkennen; Würde man den Computer auf das Wort „brevis“ ansetzten, so würde er die Dativform „brevi“ einfach übergehen. Das bedeutet, man müsste alle Werke nach allen Formen von allen Wörtern durchsuchen, was zwar zum selben Ziel, aber über ein paar Umwege führen würde. Hier scheitert die Technik an der Kunst.

Neben der Darstellung der Methodik gelang es Dr. Flieger auch, uns dieselbe Faszination für die Arbeit am Thesaurus-Wörterbuch zu vermitteln, die er – wie er selbst freudig sagt – nach vielen Dienstjahren als genauso groß wie am Anfang seines Dienstantritts empfindet. Auch wenn viele Schüler bereits den allbekannten Stowasser für den heiligen Gral der Wörterbücher und für den verlässlichen Retter in der Not von Prüfungssituationen halten, steht er wohl tief im Schatten des Königs Thesaurus, auch von den Größenverhältnissen, zumal der König einen königlichen Platz von einem ganzen Regal einnimmt und sich noch immer im Wachstum befindet. Für Klausuren ist der Thesaurus als einsprachiges Wörterbuch ohnehin nicht besonders gut geeignet – ein Alptraum für jeden Schüler, ein Traum für jeden Lateiner und witzigerweise auch ein Schatz für jeden Griechen.