Der Panther ist tot! Der Panther ist tot!

  • Alfred Ill küsst die „kalte Hand“ der Milliardärin Claire Zachanassian – noch weiß er nicht, was er ihr einst antat, als er sie schwanger verließ.
  • Claire kann ihre Prothesen sogar abschnallen: Ihr Jugendliebhaber begreift endlich, was er da liebkost.
  • Im Konradsweiler Wald: Einst in die Rinde geritzte Buchstaben erinnern noch an die ungetrübte Liebe vor vielen Jahrzehnten.
  • Claire lässt sich begeistern von den „Attraktionen“ ihres heruntergekommenen Heimatortes Güllen: Der Turner imponiert ihr.
  • Alle Würdenträger vom Arzt bis zum Bürgermeister hören zu, als Ill seine Jugendliebe wieder zu umgarnen sucht, damit sie das bankrotte Güllen retten möge.
  • Doch Claire Zachanassian fährt rasch die Krallen aus: Sie will Ills Tod.
  • Das Dorf wirft sich in Schale, das Rennen um Claires Milliarde beginnt!

„Das Leben schreibt doch die schönsten Geschichten.“ – Mit diesem Satz schloss die Aufführung des Stücks „Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt des Mittel- und Oberstufentheaters. Und eine eben solche „schönste Geschichte“ wurde dem Publikum an zwei Abenden von den Schülerinnen und Schülern präsentiert. Von Bobby-Car-Zügen über Blasmusik hin zu hüpfenden Rehen wurde den Zuschauern einiges geboten.

Das Stück begann mit vier Güllenern, die am Bahngleis die vorbeifahrenden Züge beobachten. Die triste Atmosphäre der Stadt wurde dadurch verdeutlicht, dass die vier Stadtbewohner nichts Aufregenderes zu tun haben, als die vorbeifahrenden und nicht-haltenden Züge ausführlichst hinsichtlich Abfahrts- und Zielort, sowie diversen Zwischenhalten und sämtlichen Zeitpunkten zu beschreiben. Schon in dieser Anfangsszene zeigte sich, dassdie Darsteller in den vergangenen Wochen und Monaten nicht nur lediglich Text auswendig gelernt, sondern sich ebenfalls hinsichtlich passender Gemütslagen, ausgedrückt in Mimik, Gestik und einer der Situation entsprechenden Intonation, Gedanken gemacht hatten.

Der überraschende Auftritt der „Alten Dame“, der herrischen Claire Zachanassian, sorgt aufgrund ihrer verfrühten Ankunft für großen Aufruhr unter den hoffnungsvollen Güllenern, da diese einen grandiosen Empfang für ihre einstige Mitbürgerin geplant hatten. Als Claire im Anschluss nun trotzdem noch den Schulchor, der ihr zu Ehren am Bahnsteig singen wollte, zu hören bekommt, war jedem Zuschauer klar: Bei diesem Gesang des Chors musste das gesamte musikalische Talent eines musischen Gymnasiums aufgefahren werden! Kurzum: Dieser Chor sang grandios schief, was im Publikum durchaus das ein oder andere Schmunzeln und unterdrücktes Gelächter nach sich zog.

Nach diesem ersten großen Auftritt des Dorfes Güllen war spätestens offensichtlich, wie viele Schülerinnen und Schüler in mehrfach wechselnden Rollen an diesem Stück beteiligt waren. Es folgten im Verlauf des Stücks noch weitere größere und kleinere Highlights, von denen hier nur ein kleiner Auszug angeführt sei:

Der äußerst glaubwürdige schuldbewusste Ausdruck auf Alfred Ills Gesicht, kurz nachdem seine Frau aufgrund der ausführlichen Beschreibungen Claires – in Bezug auf die gemeinsame Vergangenheit der beiden – fluchtartig die Bühne verlässt. Der Baum, der sich kurzerhand in ein Reh verwandelt, das von der Bühne hoppelt. Alle Auftritte des Chors – unbeschreiblich passend, lustig und genau so, wie man sich einen Schulchor eines kleinen Städtchens nicht vorstellen würde. Die – nicht ganz glaubwürdige – Unschuld der Dorfbewohner während der Suche nach dem entlaufenen Panther, die sowohl in ihren Stimmen als auch ihrer Mimik in den Gesprächen mit Alfred erkennbar war. Die nicht mit Worten beschreibbaren monotonen und immer wiederkehrenden Gitarren- und Gesangseinlagen des Butlers (Robin Weiß). Der Moment, als die ganze Bühne mitten in der Szene dunkel wird, da die Technik auch ihren eigenen großen Auftritt haben wollte. All diese kleinen und größeren Momente haben im Publikum Schmunzeln, Lächeln, Lachen ausgelöst, auch wenn sie vielleicht an der ein oder anderen Stelle zunächst Verwunderung hervorgerufen haben.

  • Ill sucht Unterstützung beim Bürgermeister und spürt schleichend, wie das Wohlwollen gegen ihn langsam bröckelt …
  • Der Pfarrer kann Ills Erregung auch nicht stoppen: Das Dorf wendet sich anderen Zielen zu – für die es Geld braucht.
  • Claire hat – wieder einmal – medienwirksam geheiratet und stürzt den humanistischen Gymnasiallehrer in eine Krise.
  • Selbst in Ills Familie macht sich Konsumlust breit: Vom Auto über den Pelzmantel bis zum Tennisschläger.
  • Ill auf der Flucht zum Bahnhof – doch seine Güllener Mitbürger lassen ihn nicht mehr ziehen.
  • Reporter verfolgen den Gesinnungswandel in Güllen: Der Lehrer gibt die entscheidende Erklärung ab.
  • Konjunktur für eine Leiche! Ill ist tot – und der Bürgermeister nimmt den Scheck aus Claires Hand entgegen.
  • Spielleiter Markus Müller mit den Verantwortlichen aus dem schwer geforderten Technik-Team

Nun ist Friedrich Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ eine Tragödie, die sich komödiantischer Elemente bedient: Der Darstellerwechsel bei der rachsüchtigen Claire (Edina Sailer, Eunike Sailer, Olivia Seel) und ihrem einst rassigen, jetzt gelähmten Liebhaber Ill (Adrian Knöll, Elia Babick, Laurentin Voit) von Akt zu Akt holte in der Personenregie manche überraschenden und tragischen Facetten aus diesen beiden Hauptfiguren heraus. Und auch das Wechselspiel von Konsumlust und Humanitätsideal, das selbst bei Geistesgrößen wie dem Lehrer (Leon Schwede) oder Empathiemeistern wie dem Pfarrer (Johanna Warmuth) ohne Gewissensschaden kippen kann, rührt an.

Spielleiter Markus Müller arbeitet mit einer spartanischen Bühne: Mit wenigen Alltagsgegenständen und einigen großen Holzwürfeln werden geschickt sowohl die Petersche Scheune, als auch der Konradsweilerwald, die Bahnhofstoilette, das Wirtshaus „Zum goldenen Apostel“ und noch einige weitere Schauplätze dargestellt. So bleibt viel Spielraum für die jungen Akteure und für das „Kopfkino“ der Zuschauer. Der komödiantische wie tragische Abend, nah am Originaltext geführt, kann den Schwung halten und läuft unerbittlich aufs bittere Ende zu: Der Panther – einst Ills Kosenamen – ist tot, und alle kommen gut damit zurecht.