Die kunstvolle Präsenz des Abwesenden

  • Konzentriert und feinfühlig, immer auf der Spur des rechten Wortes und des tragfähigen Gedankens: Erich Hackl bei seiner Lesung an St. Stephan.
  • Ein sehr munteres und agiles Streichquartett der Unterstufe begleitete Erich Hackls Lesung musikalisch.
  • Gut nachgefragt war der Büchertisch mit reicher Auswahl des Erfolgsautors Erich Hackl, den Oberstufenschüler nach der Lesung betreuten.
  • Erich Hackl wurde am Ende seiner Lesung von Deutsch-Fachbetreuerin Karin Bäumler herzlich gedankt: Mit einem Glas Honig aus dem – leider verregneten – Klostergarten.
  • Viel Zeit nahm sich der literarische Gast Erich Hackl für das Signieren seiner Bücher.
  • „Dieses Buch gehört meiner Mutter“: Erich Hackl, Meister der „kunstvoll einfachen Sprache“, bei seiner literarischen Lesung am Gymnasium bei St. Stephan.

„Geschichten werden nicht erfunden. Sie werden vererbt.“ Dieses Motto von Edgardo Cozarinsky steht über Erich Hackls aktuellem Roman „Dieses Buch gehört meiner Mutter“ und bündelt intensiv den Ansatz, unter dem Hackl schreibt – und aus seinen Werken vorträgt.

„Literatur im Klostergarten“ hatte in St. Stephans „Musenort“ eingeladen, doch der regnerisch-kühle Tag führte das interessierte und zahlreiche Publikum, das aus der ganzen Region gekommen war, in der Kleinen Aula zusammen. Erich Hackl versteht sich selber nicht so sehr als Romancier, eher als Weitererzähler. Seine zahlreichen und weithin bekannten Werke beruhen auf Recherchen, auf der Kunst des Erinnerns an das Vergessene, auf der Erweckung einfacher, aber würdiger und selbstverständlich bedeutsamer „kleiner“ Menschen durch die Literatur. Als Verfasser findet Hackl für jedes seiner Werke eine eigene Sprache, eine „persönliche“ Form und einen individuellen Duktus. Dies in seinem Vortrag zu erleben, die innere Anverwandlung der Sprache als Lebensspenderin, war der eigentliche Zauber der literarischen Begegnung.

Denn Hackls Mutter-Roman war nicht zu recherchieren, er war lediglich zu erinnern aus den Erzählungen und der Redefreude der eigenen Mutter. In diesem Rückerinnern taucht die Erzählung tief ein in die Welt im ärmlichen österreichischen Mühlviertel, nahe der tschechischen Grenze, weit vor dem Zweiten Weltkrieg. Da wird das erste Motorrad lebendig und der letzte Zeppelin, die Totenwache und das Dorfwirtshaus, der harte Pfarrer und der (mädchen-)weiche Kaplan. Armut und Schulbildung, Kinderarbeit und Existenzverlust, versoffene Biographien und das betäubte Scheitern einer sehnlichst erhofften Kindstaufe öffnen die Kluft zwischen Hoffen und Werden – und immer bleibt alles ungewertet, akzeptierbar, bejaht und oft heiter. Bisweilen stand da die Ich-Erzählerin, Hackls Mutter Maria, tatsächlich im Raum, erschaffen vom dezent-kraftvoll lesenden, ruhig-ergreifend inszenierenden Autor.

Das Streichquartett der Unterstufe unter Herbert Hübner gab dem Abend einen klugen und anrührenden Rahmen mit tänzerischen, böhmischen und wienerischen Klängen, die den Geist von Hackls textlicher Welt leichtfüßig herbeizitierten. Ein sehr gelassener, sehr spürbarer Abend!