Ein lateinisches Wort – viele Interpretationen

  • Prof. Dr. Gernot Michael Müller von der Universität Bonn führte bei der „Winterakademie“ vielschichtig in den deutschen Wissenschaftsbetrieb ein.
  • Der Blick in das aktuelle Forschungsvorhaben zu Ciceros „Tusculanae disputationes“ ermöglichte den Schülerinnen und Schülern der Akademie tiefere Einblicke in die universitäre Latinistik.

„Nam cum ea causa impulerit…“ So heißt es relativ zu Beginn des fünften Buches der Tusculanae disputationes, einem philosophischen Werk des römischen Politikers und Schriftstellers Cicero. Während der gemeine Lateinschüler nun unter der Last der Länge des freilich noch deutlich weiterreichenden Satzes ächzen würde, interessiert den Klassischen Philologen an dieser Stelle viel mehr als nur die einfache Übertragung ins Deutsche. Wie man aus dem Wort causa nun mehrere Seiten der Interpretation schaffen kann, das verdeutliche Prof. Dr. Gernot Michael Müller in seinem Vortrag im Rahmen der Schülerakademie den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Oberstufe am Freitag, den 17.12.2021 an unserer Schule.

Nachdem nun über fast anderthalb Jahre hinweg die wissenschaftlich hochwertigen Besuche verschiedener Referenten in dieser Veranstaltungsreihe ausbleiben mussten, war nun wieder ein Vortrag möglich geworden. Über drei Stunden hinweg referierte Prof. Müller in durchaus heiterer, aber in jedem Fall leidenschaftlicher Manier dabei natürlich nicht nur über das oben beschrieben Wort. Vielmehr begann er zunächst damit, sich selbst und seinen beruflichen und insbesondere wissenschaftlichen Werdegang vorzustellen.

Anschließend ging es aber in medias res und Müller gab einen ausführlichen Überblick über das Lebenswerk des aus dem Schulunterricht schon bestens bekannten Römers Ciceros. Sein besonderes Augenmerk lag dabei auf dem Unterschied zwischen dem Politikerleben und Ciceros oftmals gezwungenem Rückzug aus der Politik und seiner Hinwendung zur Philosophie. Deren kulturgeschichtliche Entwicklung in Rom deutete der Professor der Universität Bonn wiederum sehr ausführlich aus, gerade auch, was die Unterschiedlichkeit zur griechischen Philosophie anbelangte. Kluge Fragen aus dem Publikum bereicherten dabei den Vortrag und ermöglichten immer wieder neue Perspektiven.

  • Auf vielen Stufen führte Prof. Müller an die Arbeit in den Universitäten, in der Latinistik und in den Texten Ciceros heran.

Schließlich ging es von der Geschichte direkt ans Wort. Prof. Müller berichtet über sein derzeitiges Forschungsprojekt mit dem Ziel einer Kommentierung des fünften Buches der Tusculanae disputationes von Cicero, das von der Deutschen Forschungsgesellschaft finanziert wird und auch mit Kollegen der Philosophie der Universität Würzburg gestaltet wird. Er gab dabei wertvolle Einblicke in das allgemeine Wesen der Forschungen in Deutschland und berichtete präzise, wie sich die Arbeit konkret in seinem sechsköpfigen Team gestaltet. Dann demonstrierte er die Ansätze anhand einiger konkreter Beispiele. Müller zeigte etwa am obigen Wort causa auf, welche ungeheure Interpretationsmöglichkeiten sich bereits aus einem einzigen Wort ergeben würden. Warum genau dieses Wort an dieser Stelle? Welche Bedeutung trifft es hier am allerbesten? Gibt es Verbindungen zu anderen Stellen des Werkes Ciceros? Dies waren nur einige wenige Kerngedanken, die der nachfolgenden intensiven Untersuchungen zu Grunde lagen. Dabei bezog der Philologe auch immer wieder die wissenschaftliche Meinung anderer Forscher der Vergangenheit mit ein.

Gebannt folgten die Schülerinnen und Schüler dem Vortrag des von seinem Thema sichtlich begeisterten Professors, der die Leidenschaft zur lateinischen Sprache und insbesondere der Philosophie Ciceros lebhaft zu vermitteln verstand. Besonders beeindruckt zeigte er sich, von der Tiefe der Fragen aus dem Schülerpublikum. Ein wahrlich lateinischer Genuss also!