Geheimcode „EYP”: Stephaner auf der politischen Bühne

  • Luca bringt im Plenum des EYP (des „Europäischen Jugendparlaments“) einen kleinen Wortbeitrag zu Gehör.
  • Mesude präsentiert einen Redebeitrag am Rednerpult vor dem „Eurpäischen Jugendparlament“.
  • Das AFCO-Commitee: Diese Arbeitsgruppe reflektierte, wie Jugendliche zu mehr politischem Engagement geführt werden können.
  • Gemeinsames Essen im Eurovillage – als die Delegation von St. Stephan noch in voller Stärke beisammen war, kam auch der Spaß nicht zu kurz.
  • Nach der Ergebnisverkündung sind Mesude und Luca voller Freude, auch in der nächsten Parlamentsrunde dabei zu sein.

Alles begann mit einer Instagram-Werbung, die Mesude angezeigt wurde: Das EYP Germany verlängert den Einsendeschluss für Bewerbungen um eine Woche. Wussten wir vorher nicht einmal, was dieses ominöse „EYP“ überhaupt ist, weckte die Werbung doch Mesudes Interesse, mit dem sie den Rest von uns schnell ansteckte. Innerhalb einer Woche verfassten wir eine Bewerbung in Form eines „Topic Overviews“, also einer Themenübersicht, stellten ein Team aus sieben Interessierten aus Q11 und Q12 zusammen (Mesude Erdem, Laura Gonizianer, Noah Litzl, Martin Baur, Chiara König, Junia Kieser und Luca Gaurieder) und reichten die Bewerbung nur wenige Stunden vor der Deadline online ein.

Aber der Reihe nach: EYP steht für „European Youth Parliament“ also „Europäisches Jugendparlament“. Unter diesem Begriff finden jährlich unzählige Veranstaltungen in ganz Europa statt – von Reykjavik bis Baku, nicht nur innerhalb der Europäischen Union. Hierbei kommen junge Menschen unter 25 zusammen, um über Politik zu diskutieren. Den Höhepunkt stellen die sogenannten „International Sessions“ dar. Für diese qualifiziert man sich über die regionalen und nationalen Auswahlsitzungen. Aber bereits bei den Sitzungen auf nationalem Level geht es international zur Sache: Das Team der Organisatorinnen und Organisatoren und anderer Offizieller besteht nicht nur aus Deutschsprachigen. Auch unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, den sogenannten „Delegierten“, sind nicht alle der deutschen Sprache mächtig, da auch internationale Schulen in Deutschland Delegationen entsenden dürfen.

Um sich bei diesen Veranstaltungen dementsprechend gegenseitig verstehen zu können, ist die offizielle Sprache des EYPs: Englisch. Dies ist bereits bei der Bewerbung für die regionale Auswahlsitzung wichtig. So mussten auch die drei Seiten unseres „Topic Overview“ zum vorgegebenen Thema Rechtsstaatlichkeit komplett auf Englisch verfasst sein.

Die überzeugende Qualität dieser Bewerbung verschlug uns schlussendlich nach Göttingen in das Hainberg-Gymnasium, wo eine der „Regionalen Auswahlsitzungen 2022“ stattfand. Die Bezeichnung „regional“ ist jedoch irreführend: Es waren Delegierte aus ganz Deutschland anwesend.

Am ersten der vier Sitzungstage in Göttingen stand „Teambuilding“ auf der Tagesordnung. Wir begaben uns in unsere „Committees“, die wir bereits im Vorfeld gewählt hatten und die man sich wie Ausschüsse zu gewissen Themen vorstellen darf. Ein Beispiel hierfür ist das AFCO-Commitee (Commitee on Constitutional Affairs), dessen Aufgabe es war, junge Menschen zu mehr politischem Engagement zu motivieren. Jeder dieser Ausschüsse bestand aus einer höheren einstelligen Zahl an Delegierten und einem Betreuer oder einer Betreuerin, der sogenannten Chairperson. Unter der Leitung dieser Chairperson lernten wir unsere Kolleginnen und Kollegen, mit denen wir die nächsten Tage zusammenarbeiten mussten, spielerisch kennen und erarbeiteten Richtlinien für das gemeinsame Arbeiten. Die Krönung des Teambuildings war ein Quiz über Europa, bei dem die einzelnen Committees gegeneinander antraten. Statt eines normalen Abendessens gab es dann für uns ein Buffet mit verschiedenen europäischen Spezialitäten. Jede Schuldelegation hatte im Vorfeld ein Land zugeteilt bekommen, aus dem Spezialitäten mitzubringen waren. Als Vertreterinnen und Vertreter Polens bereicherten wir das Abendessen unter anderem mit Piroggen und Zapiekanka, was am ehesten mit einer Bruschetta zu vergleichen ist. Die anderen Speisen deckten auch ein großes Spektrum an „Geschmacklichkeit“ ab. Ihre Qualität schwankte teilweise zwischen „grandios“ und „Wer kam denn auf die Idee, dass das gut schmecken soll?“. Negativ hervorgehoben werden sollte vor allem ein Säckchen aus einem Teig, der ein bisschen nach Schupfnudeln schmeckte, gefüllt mit einem ungesüßten Milchreis. Den Rest des Abends hatten wir zur freien Verfügung. Diesen nutzten viele dafür, zwischen den verschiedenen Schuldelegationen erste Freundschaften zu schließen.

Als Schlafsaal musste die Turnhalle des Gymnasiums herhalten, wo wir auf selbst mitgebrachten Isomatten schliefen. Schnelle konnten sich aus dem Geräteraum der Schule eine Weichbodenmatte sichern, dieses Glück war unserer Delegation aber nicht vergönnt. Allgemein wurde die Schlafqualität durch grelle Notfalllichter und die Inkompetenz mancher, Türen leise zu schließen, stark beeinträchtigt, denn nicht alle hatten, wie – wohlgemerkt – im Vorhinein empfohlen, an Ohrstöpsel und Schlafmasken gedacht. Die Gemeinschaftsduschen sorgten ebenfalls für vielerlei Witze: Waren sie doch in schultypischer Manier simpel gehalten. So waren, aus welchen Gründen auch immer, die Waschbecken und die Duschen im selben Raum – gänzlich ohne Abtrennung.

Der zweite Tag stand voll im Zeichen des „Committee Work“. Jedes Committee hatte eine Fragestellung zu bearbeiten und zu dieser ein „Resolution Paper“ zu erstellen. In diesem sollten kurz die Probleme der jeweiligen Sachfrage erläutert, die sich daraus ergebenden Ziele erklärt und konkrete, lösungsorientierte Handlungsanweisungen an die Europäische Union formuliert werden. Über die Arbeit wachte schweigend die vierköpfige Jury, die am Ende über das Weiterkommen der Delegierten in nationale Sitzungen entscheiden sollte. In den kleinen Kaffeepausen hatten wir Delegierten Zeit, uns bei einem kleinen Snack-und-Heißgetränke-Buffet auszutauschen. Wer dringend noch eine Diskussion zu Ende führen wollte, hatte die Möglichkeit dazu. Die meisten nutzten die Pausen aber vielmehr, um sich mit ihren Freundinnen und Freunden aus der eigenen Schuldelegation über die Arbeit in den jeweiligen Committees auszutauschen oder mit den anderen Delegierten und Offiziellen, die alle nicht viel älter als wir waren, Kontakte zu knüpfen.

Die Zusammenarbeit im Ausschuss gestaltete sich in unterschiedlich. Teilweise wurde in der gesamten Gruppe diskutiert, manchmal wurden einzelne Gesichtspunkte in Partnerarbeit erledigt. Gegen Ende der Arbeitszeit musste dann alles zusammengetragen, aussortiert und in eine kohärente Form gebracht werden. Den letzten Redaktionsschritt – also eine sprachliche Überarbeitung, sowie eine Verlinkung von Quellen – übernahmen dankenswerterweise unsere Chairpersons am Abend. Währenddessen lief für uns bereits das Abend-Programm an: Zuerst eine „Mock-GA“: Bei dieser brachten uns die Offiziellen den Ablauf einer GA („Great Assembly“) bei, indem sie über ein lustiges Thema diskutierten. Es ging um die weltbewegende Frage der Anerkennung von Echsenmenschen als Menschen.

Danach hatten die musikalisch talentierten Delegierten die Chance, uns mit ihrem Talent bei einem Konzert zu beeindrucken. Aus unserer Schuldelegation wollte Junia eine Performance darbieten. Leider musste sie bereits am Vormittag wegen einer schweren allergischen Reaktion nach Hause fahren. Nach den Auftritten hatten wir verbliebenen Sechs auch kein großes Glück. Nachdem einige Delegationsmitglieder Corona-Symptome entwickelt hatten, wurden wir alle getestet. Ergebnis: viermal positiv und nur zweimal negativ. Die Offiziellen waren über die Uhrzeit solcher schwerwiegenden Feststellungen nicht besonders erfreut, war es doch mittlerweile schon halb elf. Es musste spontan eine Lösung gefunden werden. Eine nahegelegene Teststation bestätigte diese Ergebnisse, und es verblieben von den Stephanerinnen und Stephanern nur noch Mesude und Luca in Göttingen. Wir beide blieben glücklicherweise auch für den Rest der Sitzung und darüber hinaus negativ, weshalb wir die Sitzung ohne Probleme zu Ende bringen konnten. Die bereits geschlossenen Freundschaften mit unseren Mitdelegierten sorgten dafür, dass wir auch ohne unsere mitgebrachten Freundinnen und Freunde glücklicherweise nicht sozial vernachlässigt wurden. Die Positiven hatten indes nicht so viel Glück. Bis zu ihrer verfrühten Abreise begaben sie sich in Quarantäne in die „All Genders“-Umkleideräume. Am nächsten Morgen begann die Arbeit mit der Vorbereitung auf die „Great Assembly“. Während des Frühstücks wurden die polierten „Resolution Papers“ an alle Delegierten verteilt, darauf wurden im eigenen Committee die Resolutionen der anderen Teams akribisch überprüft und auf Ungereimtheiten untersucht. Man saß in konspirativen Kreisen zusammen, brainstormte, teilte Reden auf Rednerinnen und Redner auf und erwartete gespannt die Große Versammlung.

Noch vor dem Mittagessen begann die „Great Assembly“. Alle Committees versammelten sich in der Aula der Schule. Dort hatte auf der Bühne zum einen die Jury ihr Lager aufgeschlagen, das dreiköpfige „Board“. Dieses leitete die Diskussionen. Die Delegierten saßen sortiert nach Commitees im Auditorium. In den folgenden anderthalb Tagen sollte nun über alle neun Resolution Papers diskutiert und am Ende darüber abgestimmt werden. Die Diskussion erfolgte dabei immer in einem festgelegten Ablauf: Zuerst hielt das Committee, dessen Resolution diskutiert wird, eine Einführungsrede vor versammelter Menge. Anschließend durften sich zwei der verbleibenden acht Commitees mit jeweils einer Rede zu der Resolution positionieren. Der verteidigende Ausschuss durfte zu aufgeworfener Kritik und Anregungen Stellung nehmen. Schließlich wurden freie Diskussionsrunden abgehalten, in denen Fragen gestellt, die Resolutionen befürwortet oder vehement bestritten wurden. Immer wieder durfte ein Mitglied des diskutierten Committees die eigene Resolution verteidigen. Schlussendlich mussten in einer aufrüttelnden Rede am Pult Stimmen gewonnen werden. Darauf wurde abgestimmt: Die Resolutions, die eine Mehrheit überzeugen konnten, wurden verabschiedet – Dabei konnte ein Teammitglied der Schuldelegation St. Stephans einen Erfolg erzielen. Auch wenn es eine schöne Erfahrung ist, wenn die eigene Resolution am Ende eine Mehrheit erhält, so hatte die Entscheidung keine reellen Auswirkungen. Darauf, dass ein „EU-Rural Transit Think Tank“ gegründet und finanzielle Anreize für das Bestehen der Schule eingeführt werden, können wir also nur träumen, bis Mitglieder des Europäischen Jugendparlamentes Mitglieder des Europäischen Parlamentes werden.

Die freien Diskussionsrunden waren in der Versammlung das Interessanteste. Um vom Board aufgerufen zu werden, versuchten viele auch mit unüblichen Mitteln auf sich aufmerksam zu machen. Eigentlich sollten nur Namensschilder hochgehoben werden, aber es wurde getanzt, gemalt und gestampft. Die wichtigste Regel dabei war: Kein Applaus! Als größter Zeitfresser war dieser nur für Reden am Pult erlaubt. Für alle anderen Zeitpunkte galt: Jazzhands! Mit der Phrase „You are recognized!“ erteilte das Board das Wort. Die Stimmung in der Sitzung war überaus produktiv. Alle überlegten, was sie als nächstes zu sagen hatten, manche googleten sich die ein oder andere Vokabel für ihren nächsten Wortbeitrag – alles fand ja auf Englisch statt – und trafen Absprachen innerhalb des Ausschusses, wer als nächstes sprechen dürfe. Generell freuten die Delegierten sich, wenn ein Kritikpunkt an der Resolution gefunden war, und dementsprechend waren die verteidigenden Committees zumeist im Kreuzfeuer. Die Diskussionen blieben – natürlich – auf einem konstruktiven und respektvollen Level.

Anderthalb Tage verbrachten wir mit der GA, natürlich unterbrochen durch Kaffee- und Essenspausen. Am Abend der GA aßen wir nicht in der Schulmensa, sondern auswärts mit unseren Committees. Danach war extra für uns ein „Floor“ in einem Göttinger Club reserviert. Die Delegierten blieben ob der anstrengenden GA nicht allzu lange, obwohl die Stimmung herausragend war. Die Offiziellen dagegen, die zwar auch nicht länger schlafen konnten, für die allerdings weniger auf dem Spiel stand als bei uns Delegierten, feierten größtenteils bis in die Nacht hinein.

Nachdem auch die neunte Abstimmung erfolgt war, fand eine große Abschiedsveranstaltung statt. Nach den vielen Dankesreden, als vor lauter Jazzhands manchen schon die Arme abfielen, flossen unter den Offiziellen, die die Sitzung über ein ganzes Jahr mühevoll während ihres regulärem Jobs oder Studiums organisiert hatten, auch einige Tränen. Während der Rede der Jury wurden ohne großen Spannungsaufbau die Namen bekannt gegeben, die zu den nationalen EYP-Sessions eine Einladung erhielten. Es wurden nämlich neben Plätzen für die deutsche nationale Auswahlsitzung auch Plätze für die nationalen Auswahlsitzungen anderer Länder – in diesem Fall Spanien, Polen und Luxemburg – vergeben, an denen sie als Gäste teilnehmen dürfen. Zweiteres durften diejenigen wahrnehmen, die bei der Nationalen Auswahlsitzung in Deutschland verhindert sind.

Und für den kläglich verbleibenden Rest unser Schuldelegation hat es tatsächlich gereicht: Luca darf nach Bad Segeberg zur deutschen Nationalen Auswahlsitzung, an der er sich direkt für die Internationale Sitzung qualifizieren kann. Mesude dagegen darf nach Huesca zur Nationalen Auswahlsitzung in Spanien. Dort kann sie eine derjenigen sein, die schon vor der internationalen Sitzung Brücken zwischen der europäischen Jugend bauen. Denn letztendlich geht es darum: Sich mit Gleichaltrigen und Gleichgesinnten über den Kontinent zu vernetzen, gemeinsam zu arbeiten, miteinander zu reden und zu lachen. Wir freuen uns sehr auf unsere Sitzungen in Bad Segeberg und Huesca, auf das Kennenlernen neuer Menschen, das gemeinsame Arbeiten und insbesondere darauf, bereits liebgewonnene Menschen vor Ort wiederzusehen. See you somewhere in Europe!