„Muss man Dadaisten erschießen?“

  • Im abendlichen Sommerlicht war das Format „Literatur im Klostergarten“ wieder einmal von bezaubernder Intensität unter den Obstbäumen des Gartens.
  • Rund 100 Zuhörer waren in den Klostergarten von St. Stephan gekommen, um Markus Orths zu hören, der aus seinem neuen Roman „Max“ las.
  • Markus Orths erzählt lebendig und intensiv von seinen Recherchen zum Roman über den Künstler Max Ernst – und davon, was ein Pfiffikus wie er aus all diesem Material zu machen vermag.
  • Alina (Gesang) und Polina (Klavier) boten Kunstlieder zur musikalischen Umrahmung des Literaturabends.
  • Ebenfalls mit Polina (Klavier) trug Emil (Gesang) zur musikalischen Gestaltung des strahlenden Sommerabends bei „Literatur im Klostergarten“ bei.
  • Markus Orths: Ein konzentrierter und zugewandter Darbieter seiner Texte

Vielleicht hatten die Zuhörer an diesem Abend nicht vor, sich besonders eingehend mit dem Leben des Künstlers Max Ernst zu beschäftigen, denn die Bilder des Malers dürften nicht allen Menschen gefallen. Sie sind eckig, abschreckend, verstörend, unverständlich … eben surrealistisch. Ernst setzt sich darin mit einer Welt auseinander, die verrückt geworden und aus den Fugen geraten ist. Gerade deshalb bietet sein Leben eine unendliche Fülle an Themen, Menschen und Begegnungen, die für mehr als einen Roman genügen würden.

Markus Orths, der an diesem warmen Sommerabend nach Augsburg zu „Literatur im Klostergarten“ gekommen war und vielen Lesern durch seinen Roman „Lehrerzimmer“ bekannt sein dürfte, hat aus dieser Fülle geschickt ausgewählt und ein raffiniertes Konzept für sein aktuelles Buch erdacht: Beleuchtet wird das Leben des Künstlers Max Ernst im Spiegel von sechs ganz unterschiedlichen Frauengestalten, die auf vielfältige Weise mit ihm verbunden waren. So gewinnt der Leser nicht nur tiefe Einblicke in das Leben und Wirken des großen Malers selbst, sondern wird beinahe ebenso intensiv mit den facettenreichen Persönlichkeiten der Frauen und einer Reihe von berühmten Menschen des 20. Jahrhunderts konfrontiert. Überaus kenntnisreich und packend schreibt Orths über den Maler, der vor seinem strengen, wilhelminischen Vater und später vor dem Nationalsozialismus flieht, in den wilden 20er Jahren ein Bohème-Leben in Paris führt und schließlich ins Exil in die USA geht.

Erste Liebe, Mènage a trois und eine Mäzenin

Beginnend mit „Lou“ erfährt man an diesem Abend, wie sich bereits aus Max‘ Kindheit die wiederkehrende Motive Wald, Fernweh oder Zivilisationsekel seiner Kunst ableiten lassen und wie er seine erste Ehefrau Luise im Zeichenkurs kennengelernt hat. Sie, die Kunst in erster Linie theoretisch interessiert und die selbst nicht zeichnen kann, trifft auf den Studenten Max, der das Aktmodell so flink und geschickt zeichnet, ohne ein einziges Mal hinzusehen – es geht eben nicht um das bloße Abbilden der Realität, sondern um deren aktive Gestaltung. Im Kapitel „Galapaul“ nimmt Orths die Zuhörer nun weiter mit auf die Reise in den Dadaismus, einer Kunstbewegung abgeleitet vom französischen Kinderwort „Dada“, was so viel wie Pferdchen bedeutet. Immer wieder hört er auf zu lesen und erzählt, erzählt verbürgte Szenen und Episoden aus dem Leben des Malers. Wie er im Krieg beinahe seinen besten Freund, den Lyriker Paul Éluard, erschossen hätte oder gleich einem Gespenst durch seine erste Ausstellung wanderte, mit der er sich nach den traumatisierenden Kriegserlebnissen nicht mehr identifizieren konnte. Den Schluss bildeten Begegnungen mit „Peggy“, wobei Peggy Guggenheim, einer der großen Kunstsammlerinnen des 20. Jahrhunderts, gemeint ist, die Max Ernst förderte.

Eigentlich eine Auftragsarbeit fürs Museum

Begonnen hatte die Auseinandersetzung mit dem Maler aufgrund einer Auftragsarbeit, die Orths für das Max Ernst-Museum in Brühl schreiben sollte: Eine kleine, ca. 15-seitige Erzählung. Doch er war so fasziniert vom Leben dieses Mannes, dass er sich in die Recherchearbeit vertiefte und sicher war, dieses „reiche“ Leben als Romanstoff bearbeiten zu wollen. Ein „Geschenk“ sei es gewesen, so der Autor, dass vier der Frauengestalten selbst Autobiographien verfasst haben und er so direkten Zugang zu deren Leben erhielt. Nachprüfbare Fakten habe er nicht verändert und auch den Verlauf des Malerlebens nicht umgestaltet, doch selbstverständlich spürt man an vielen Stellen die gestaltende Hand des Schriftstellers, der glättet, zusammenbündelt und damit dramatisiert, aber auch entschärft und eigene Schwerpunkte setzt.

Ergänzt wurde diese kurzweilige Lesestunde von Alina Baur und Emil Greiter, die begleitet von Polina Kuzmina am Klavier stimmungsvolle Kunstlieder vortrugen und so für eine wunderbare Umrahmung der Lesestücke sorgten.