Shpil zshe mir a lidele in yiddish

  • Eine dichte Atmosphäre herrschte an diesem Sommervormittag in der Kresslesmühle, als Sorek sang und sich anschließend den Fragen der Schülerinnen und Schüler stellte.
  • Mal klang der junge Tenor getragen und melancholisch, ...
  • ... mal lustig ...
  • ... mal dynamisch – jeweils getragen von Inhalt und Stimmung der Lieder.
  • Das Akkordeon ist als Instrument nicht wegzudenken aus der jüdischen Musik und wird hier kunstvoll beherrscht von Konstantin Ischenko.
  • Das junge Publikum hat Yoed Sorek mit seinen Erzählungen und Liedern fest im Griff.

Nun war es doch noch gelungen! Mit hohem Einsatz von allen Beteiligten konnte am Ende des Schuljahres das Projekt „Simas Lieder“ mit dem Tenor Yoed Sorek und Konstantin Ischenko am Akkordeon verwirklicht werden. Dieses Projekt bestand aus zwei Schwerpunkten, einer schulischen Vorbereitung sowie dem Konzert in der Kresslesmühle. Schülerinnen und Schüler aller neunten Klassen sowie der Klasse 10a wurden im Unterricht mit dem Thema „Die jiddische Sprache“, die auf einer mittelalterlichen Sprachstufe des Deutschen basiert, bekannt gemacht. In einer weiteren Unterrichtsstunde beschäftigten sich die Schülerinnen und Schüler mit der Situation der Juden im Baltikum zur Zeit der deutschen Invasion im Zweiten Weltkrieg. Das Beispiel von Yoed Soreks Großmutter Sima Skurkovitch aus Wilna (heute Vilnius, Hauptstadt von Litauen), die den Holocaust überlebt hatte, ermöglichte einen persönlichen Zugang, der im Konzert noch eindrücklicher erlebt werden konnte.

Berührende Geschichten aus einer untergegangenen Welt

Im dicht bestuhlten Veranstaltungsraum der Kresslesmühle entstand eine besondere Atmosphäre, sodass die Schülerinnen und Schüler in das jüdische Leben in Wilna und seine jiddischen Lieder eintauchen konnten. Auf der kleinen Bühne sang und erzählte Yoed Sorek von seiner Großmutter Sima, die als Holocaust-Überlebende ihrem Enkel die Geschichten aus einer untergegangenen Welt, dem „Jerusalem des Nordens“, und vom Schicksal ihrer Familie in der Shoah weitergab. Welch normales, unbeschwertes Leben vor der Invasion durch die Deutschen im Juli 1941 trotz der veränstigenden Geschichten der polnischen Juden, die nach Litauen geflohen waren, herrschte, wurde besonders in den Alltagsliedern und den lebendig inszenierten Liebesliedern deutlich. Diese sang die damals 17-jährige Sima auch. So wirkte auch der Schrecken nach den ersten Pogromen durch die Litauer umso erschreckender. „Es Brent, undser Shtetl Brent“ kündigte im Lied schon den Holocaust an. Simas Vater und Bruder wurden durch die Deutschen im nahe gelegenen Ponar erschossen, die Mutter verschleppt und ermordet. Daraufhin schlossen sich Sima, ihre Schwester und deren Freunde dem Widerstand an, wurden entdeckt und in ein Arbeitslager ins estnische Narva, später bis vor St. Petersburg deportiert. Simas Gefährte Lolka wurde drei Monate vor Kriegsende erschossen.

Entsprechend schwer, traurig und sehnsuchtsvoll klangen auch die anschließenden Lieder, z. B. „Ponar, Shtiler Shtiler“ („Gräber wachsen hier“) oder die Aufforderung an den Friling, den Liebsten wiederzubringen. Doch es gelang Yoed Sorek auch, die Schwere wieder aufzulösen, indem er Mordechai Gebirtigs Aufforderung, doch trotz aller Schwere fröhlich zu sein, vorsang und vorspielte. Und auch Simas Leben nahm eine glückliche Wendung, wenn man davon überhaupt sprechen kann, wenn jemand die gesamte Familie verloren hat. Sie wanderte mit ihrem neuen Mann und Baby 1949 nach Israel aus und wurde in Jerusalem sesshaft. Dass sie keinen Hass gegenüber den Deutschen verspürte, bekräftigte sie immer wieder. Und ihr Enkel erklärt damit auch ihr hohes Alter von 91 Jahren, in dem sie vor drei Jahren erst gestorben ist.

Die tiefe Überzeugung, dass Hass überwunden werden kann

Bei der anschließenden Gelegenheit, Fragen an den Künstler und „indirekten“ Zeitzeugen zu stellen,  wurden weitere Aspekte deutlich: Obwohl die jiddische Sprache heute noch von nur ca. einer Millionen Juden gesprochen wird, sorgt sich Yoed Sorek nicht um ihr Weiterleben, da orthodoxe Juden, die meist sehr viele Kinder haben, diese Sprache weitergeben. Auf die Frage, warum er dieses Projekt in der Zusammenarbeit mit Schulen durchführe, legte Yoed Sorek seine Überzeugung dar, dass der Hass überwunden werden könne, so, wie ihn seine Großmutter überwunden hat. Nun lebten andere Menschen in Deutschland, andere Menschen in Israel, sodass es leichter möglich sein sollte, Brücken der Verständigung zu bauen – ohne allerdings das Schicksal der vergangenen Generationen zu vergessen. Politische Fragen wollte der Künstler nicht beantworten, da er sich hierfür hätte besser vorbereiten müssen.

Vielen Dank an die Stiftung Bayerische Gedenkstätten und das Kulturzentrum Kresslesmühle, die die Veranstaltung mit Yoed Sorek finanzielle unterstützten, sowie die Stadtsparkasse Augsburg für die Bereitstellung des Heftes „Simas Lieder. Geschichten und Lieder aus dem Wilnaer Ghetto“ für alle teilnehmenden Schülerinnen und Schüler.