Stolperstein: Erinnerungszeichen an einen Stephaner

  • Seit Montag, den 25. Oktober 2021 erinnert ein Stolperstein am letzten frei gewählten Wohnort des Stephaner-Schülers Edmund Aull in der Sommestraße an den jungen Mann, der durch die „dezentrale Euthanasie“ der Nationalsozialisten zu Tode kam.

Gunter Demnig, der Kölner Künstler mit dem tiefen Hut, auf den die Verlegung von „Stolpersteinen“ für Opfer des Nationalsozialismus zurückgeht, war selbst gekommen: In der Sommestraße legte Demnig Hand an, um im Straßenpflaster vor der letzten Wohnstätte des Augsburgers Edmund Aull einen Stolperstein zu verlegen.

  • Der Vater der Stolpersteine, Aktionskünstler Gunter Demnig, erscheint um zwölf Uhr in der Sommestraße: Den Stein für das Euthanasie-Opfer Edmund Aull …
  • … setzt er persönlich. Jede Stolpersteinlegung beginnt mit dem Aufbrechen des Pflasters – das bereits ist ein erster wesentlicher Teil der Würdigung: Gewohnte Bahnen brechen auf.
  • Während Demnig arbeitet, schafft ein Musikbeitrag mit den Brüdern Philipp am Klavier und David an der Geige eine berührende Atmosphäre.
  • Innerhalb weniger Minuten hat Gunter Demnig den Stolperstein für Edmund Aull verankert, einzementiert und gewaschen.
  • Schulleiter Alexander Wolf vom Gymnasium bei St. Stephan ergreift das Wort: Im Jahr 1935 war Edmund Aull gegen Ende des Schuljahres an St. Stephan erstmals in die Psychiatrie eingewiesen worden. Auch Thomas Hacker (links) von der Initiative „Stolpersteine Augsburg“ hört aufmerksam zu.
  • Mesude und Leon (links) von St. Stephan und Ernst Aull, Neffe von Edmund Aull (rechts) folgen Alexander Wolfs Gedanken: Gern hat St. Stephan die Patenschaft für das Euthanasie-Opfer Edmund Aull übernommen, um die Erinnerung an diese nationalsozialistischen Medizin-Verbrechen wach zu halten.
  • Mesude und Leon tragen gleicherweise sachlich wie mitreißend Edmund Aulls Lebensbild vor: Ein über Jahre sich hinziehender Leidensweg von der Diagnose bis zum Tod durch Medikamente und Unterernährung.
  • Auch Künstler Gunter Demnig folgt sinnierend den bedrückenden Stationen von Edmund Aulls Leben.
  • Musik schließt die kurze Verlegungs-Zeremonie, die unmittelbar vor dem letzten selbstgewählten Wohnsitz Edmund Aulls …
  • … in der Augsburger Sommestraße stattfindet. Leopold weckt auf dem Akkordeon Klänge, die unter die Haut gehen.

Edmund Aull ist ein Opfer nationalsozialistischer Euthanasie-Medizin, als psychisch Kranker war er schon im Jahr 1935 mit 20 Jahren zwangssterilisiert worden und nach mehreren Klinikaufenthalten im Juli 1944 durch Medikamente und Nahrungsentzug (mit dem perfiden Begriff „Entzugskost“ bezeichnet) in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren getötet worden.

Zur Verlegung des Stolpersteins, die Künstler Gunter Demnig unaufgeregt und sehr dezent vornahm, hatte die Initiative „Gegen Vergessen – Für Demokratie Augsburg-Schwaben“ eingeladen. Edmund Aull hatte bis zum Sommer 1935 das Gymnasium bei St. Stephan besucht, weshalb die Schule sehr gerne die angebotene Patenschaft für den Gedenkstein übernahm. Mit künstlerischen Beiträgen in Musik und Text gestalteten Schülerinnen und Schüler die Veranstaltung gegenüber dem Kulturhaus „abraxas“ mit.

Zunächst begrüßte Thomas Hacker von der Initiative „Stolpersteine Augsburg“ den kleinen Kreis, der sich versammelt hatte. Für die Schule sprach Schulleiter Alexander Wolf und ging vom Begriff der „Stolpersteine“ aus, die eine Schule in aller Regel ihren Schülern aus dem Weg räumt. Heute sei jedoch ein Tag, wo St. Stephan aus geschichtlichem Bewusstsein heraus mitwirkt, einen Stolperstein zu legen, um gegen Unmenschlichkeit, Unrecht und gegen das Vergessen ein Zeichen zu setzen.

Während an der Verlegestelle mit Meißel, Kelle, Kies, Zement und Wasser gearbeitet wurde, musizierten David und Philipp Schwarz Musik aus dem Film „Schindlers Liste“. Zwei Stimmen aus der Abiturklasse, Mesude Erdem und Leon Schwede, trugen eine detailreiche Biographie Edmund Aulls vor. Neben der bewegenden Geschichte des jungen Mannes, den sein fürsorglicher Schulleiter P. Gregor Lang OSB im Sommer 1935 noch in Kaufbeuren besucht hatte, wurde in den Einblicken und Quellenausschnitten auch deutlich, wie die sogenannte „dezentrale Euthanasie“ und ihre inhumanen Methoden mit Kranken verfuhr. Ein Musikstück von Leopold Fritsche am Akkordeon beschloss diesen tiefgreifenden Teil der Verlegung.

Eine Besucherin legte Blumen am Stolperstein nieder und auch Gunter Demnig nahm sich Informationsmaterial, das bereit lag, mit, ehe die Aktiven des Initiativkreises aufbrachen, um für weitere Opfer der NS-Medizin im Stadtgebiet mit Gunter Demnig Stolpersteine zu setzen. Gekommen war auch Ernst Aull, ein Neffe von Edmund Aull, der sich von Herzen für die Gedenkfeier bedankte.

  • Ein letztes Foto zeigt Edmund Aull, der im Juli 1944 in der Psychiatrie in Kaufbeuren ermordet wurde.

Vielleicht kann auch dieser Stolperstein dazu beitragen, dass Unrecht und Leid, das Menschen bis heute Menschen zufügen, ins Bewusstsein rücken und auf Widerstand stoßen.

Der Bayerische Rundfunk berichtete in seinem Online-Auftritt über den gesamten Stolperstein-Tag in Augsburg.