Temporeich durch viele literarische Räume
Heinrich Heine sagte einst: „Von allen Welten, die der Mensch erschaffen hat, ist die der Bücher die Gewaltigste“. In einer Zeit, in der digitale Medien den Fokus von traditionellen Werken etwas weglenken, zeigte der Literarische Abend „Literatur lernt sprechen“ einmal mehr, welche Kraft vom geschriebenen Wort ausgeht. Literatur eröffnet Räume für Botschaften und zwischenmenschliche Tiefe, die auch Jahre später neu entdeckt werden können.
Der Abend, der unter dem unermüdlichen Engagement von Studiendirektor Matthias Ferber den Abiturienten auf freiwilliger Basis die letzte Gelegenheit verschaffen soll, auf der Bühne des Kleinen Goldenen Saals Interpretationen von selbst ausgewählten literarischen Texten oder sogar eigenverfassten Werken zu präsentieren, lebt seit Jahren von seiner Vielfalt an Epochen, Inszenierungen und auch der ein oder anderen musikalischen Interpretation. So verhält es sich auch am Abend des 25. Juni, an dem der Abiturjahrgang 2026 als erster neuer G9-Jahrgang die Tradition nach einer kleinen Pause wieder aufgreift.
„Was ist Theater?“, ein hergeleiteter Monolog aus der „Theaterszene“ in „Hamlet“ III, 2 (1602) von William Shakespeare, bot den wohl passendsten Einstieg, den man für diesen Abend wählen konnte. Denn er beschäftigte sich mit der Präsenz, die ein Schauspieler auf einer Bühne ausstrahlen muss, darunter mit welcher Mimik, mit welcher Gestik, mit welchem Einsatz der Stimmfarbe und Dynamik und nicht zu vergessen mit welcher Leidenschaft sich ein Publikum mitnehmen lässt.
Man könnte meinen die Schüler aus der Q13 haben diese Fragen für ihre weiteren Inszenierungen genau reflektiert, denn das wohl imposanteste Element der Spielkunst waren ganz klar die saubere Aussprache und die konsequente, unerschütterliche Mimik, die von den Schauspielern bei jedem Programmpunkt gekonnt eingesetzt wurde.
Bei Sappho von Lesbos’ Werk „Aphrodite, ewig auf buntem Thron“ ließ der bewusst räumlich getrennte Wechsel von Frauenchor- und Männerchor-Passagen das Publikum die Zerrissenheit im Herzen spüren, die von zwei entgegengesetzten inneren Stimmen ausgeht.
Die Darbietung von Leo Tolstios „Ein Austernessen“ aus „Anna Karenina“ hingegen beförderte den Zuschauer charmant und lässig in das aristokratische Moskauer „Restaurant Anglika“, in welchem er den Dialog der beiden Schauspieler wie ein Tischnachbar mitverfolgen konnte.
Eine unerwartete und schockierende Wendung nahm der Abend durch die Interpretation der Texte von Rainer Maria Rilke und Margaret Atwood sowie einen eigenverfassten Text von Adrian Sommer, die gemeinsam das Werk „Torso“ ergeben. Was zunächst als sanfte Hinführung zur ästhetischen Kommerzialisierung des weiblichen Körpers erschien, verwandelte sich schlagartig durch laute Soundeffekte und Interventionen von ein paar Schauspielern: Eine Schaufensterpuppe, die nur den Oberkörper einer Person zeigte und neben einem gewaltigen Lippenstift das Bühnenbild ergab, wurde zerlegt, bemalt, in Folie gewickelt und mit „sale“ markiert. Der Lippenstift wurde als Abschlussreflexion zerschlagen, ein Zeichen der Befreiung und des Protests. So gewalttätig der Akt wirkte, so klar zeigte er die Realität: Körper werden verkauft – in sexualisierter Autowerbung, in Kleiderhauls auf Social Media oder unbewusst, wenn Momfluencer ihre Kinder präsentieren – eine Realität, die nicht oft genug reflektiert werden kann!
Erfrischende Abwechslungen boten die musikalischen Einlagen, wie das Kunstlied „Zeitengesang“, das von Viktoria Wohlfarth getextet und von Christoph Immler komponiert und mit Klavierbegleitung uraufgeführt wurde, und die Duettversion von Goethes „Selige Sehnsucht“, das die Frage nach dem Tod behandelt.
Die Q12 bekam mit einer modernen Inszenierung von E.T.A. Hoffmanns „Sandmann“ die Chance, die ehemaligen Mitglieder des Oberstufentheaters aus der Q13 gebührend zu verabschieden. In einer Interview-Struktur hinterfragte die Inszenierung didaktisch die Ursache für Nathanaels fortschreitenden Wahnsinn. Dabei wurde neben dem Advocaten Coppelius, der so schreckenbringend und grausam dargestellt wurde, dass sogar ein gestandener Mann sich fürchten müsse, auch Nathanaels Amme und sein Vater hinterfragt, die beide Mitschuld an einer frühen negativen Prägung in seiner Kindheit trugen. Die Amme flößte ihm das Märchen vom blutrünstigen und grausamen Sandmann ein, der Vater war zu sehr in seiner eigenen Machtlosigkeit gefangen, weshalb er trotz seiner Liebe zu Nathanael vor Coppelius für seinen Sohn nicht einstehen konnte. Gestützt wurde die starke Emotionalität durch starke Hebefiguren und wilden Körperkontakt – wahrlich kam die Zerrissenheit rüber sowie die blauen Flecken.
Sollte jemand denken, dass nur alte oder realitätsferne Werke aufgeführt worden sind, der wird definitiv eines Besseren belehrt: Mit Klaus Kinskis „Jesus Christus Erlöser“ trägt ein Redner eine Weltansicht vor, die nicht vom ganzen Publikum geteilt wird. Wie bei politischen Debatten, bei denen Meinungen zu weit auseinandergehen, gerät auch hier der Sprecher mit dem Publikum in einen hitzigen Kampf, bei dem mal das ein oder andere Schimpfwort fällt. In einer Sache kann der Kleine Goldene Saal mit dem Bundestag mithalten – Lautstärke.
Weitere Realitätsbezüge setzten selbstverfasste Werke: Maxima Mayer stellte sich der Frage nach der eigenen Identität, die nach dem Abi einmal mehr auftritt, und Joel Dorn dichtete das Werk „Verklärte Nacht“ des Symbolisten Richard Dehmel zu „Verkehrte Nacht“ um, um sich der Tatsache zu stellen, was Zweifel sei. Zwei wohldosierte Sketche von Loriot und eine temporeiche Schnellversion der Dreigroschenoper mit musicalhaften Zügen und tollen Gesangsnummern zeigten die Vielfalt und Spiellaune der 15-köpfigen Gruppe.
Die aufgezählten Beiträge sind bei weitem nicht alles Erwähnenswerte. Doch „Literatur lernt sprechen“ schenkte zu viele Eindrücke, als dass man sie in einen Artikel fassen könnte.
18 Beiträge. Antike trifft Gegenwart. Spaß trifft Ernst. Eine wahnsinnige Fülle an einem heterogenen Programm, das auf dem Papier zunächst gerade für ein Publikum, das sich seltener mit dieser Materie beschäftigt, nach Langeweile oder Überforderung klingen kann. Doch was auf der Bühne geschah, entzieht sich fast der Realität: Es war Magie. Alte Texte bekamen plötzlich moderne Dringlichkeit, Gegensätze fügten sich, und das mitgenommene Publikum merkte nicht, wie die Zeit verging. Wie das gelingen konnte, bleibt rätselhaft – aber genau das machte den Abend aus. Somit wurde er vollkommen zu Recht mit Standing Ovations abgeschlossen!