Theaterspaziergang vom Olymp bis in den Hades

  • Die Geschichte von „Amor und Psyche“ begann mit der Vorstellung der bildschönen Psyche. Von wechselnden Mädchen gespielt, war sie immer am weißen Haarkranz erkennbar.
  • Zum Theaterspaziergang des Unterstufentheaters trafen sich an einem sonnigen Abend über 50 Zuschauerinnen und Zuschauer am Schultor.
  • Aphrodite – sie trägt den dunkelroten Haarkranz – kommt unter Druck: Psyche läuft ihr den Rang als schönstes Wesen ab.
  • Aphrodites Sohn Amor (rechts) hat sich ebenfalls schon längst in die wunderschöne Psyche verguckt …
  • … und steht schon in intensivem Social-Media-Kontakt mit der Angebeteten.
  • Auch am Königshof von Psyches Eltern ist man ratlos: Nicht nur, dass Psyche vom Handy gar nicht mehr wegkommt …
  • … auch leibhaftige Verehrer in unendlicher Zahl belagern das Schloss, an Ruhe ist nicht mehr zu denken.
  • Für Griechen immer die beste Lösung: Wir fragen das Orakel in Delphi. An einer schönen grünen Wand im Bereich der Stadtmauer hatte das Orakel seine Station aufgeschlagen.
  • Ein Stück weiter am Treppenabgang erleben die Zuschauer erstmals das Paar Amor und Psyche zusammen. Psyche begegnet ihrem Freund nur im Dunkeln und kann ihn daher nur hören und fühlen, aber nicht sehen.
  • Doch Amor wird von Psyche, die nachts den unbekannten Liebhaber mit einer Öllampe beleuchten will, mit Verbrennungen versehen. Es gibt Streit.

„Vom Olymp bis in den Hades – und zurück“: So lässt sich der herrliche Theaterspaziergang zusammenfassen, zu dem am Dienstag, den 12. Juli 2022 das Unterstufentheater geladen hatte. Die Sechstklässler zeigten an diesem warmen Sommerabend unter freiem Himmel, wie aus der coronabedingten Arbeit im Freien das berührend schöne Konzept entstand, die Theaterbesucher auf einen Theaterspaziergang mitzunehmen.

Hinter St. Stephan – am Gallusbergle, an der Stadtmauer, auf der Schwedenstiege und am Ufer des Unteren Grabens – hatte die 13-köpfige Gruppe unter der Anleitung von Theaterpädagogin Sarah Hieber grandiose, überraschende und magische Plätze ausfindig gemacht, um den antiken Mythos von „Amor und Psyche“ zu erzählen. Rund 50 Gäste waren gekommen und spazierten unter der feinen Führung der jungen Akteure von Spielszene zu Spielszene.

Der Auftakt vor St. Stephans Schultor führte schnell in die Geschichte ein: Psyche (von wechselnden Mädchen verkörpert) ist so wunderschön, dass Aphrodite keine Verehrung mehr abkriegt und dadurch voll geladen ist. Auf dem kleinen Plateau an der Nordseite der Galluskirche konnte man zum ersten Mal in die Götterwelt hineinschauen und auch Amor kennenlernen, der Psyches Liebhaber wird. Sie darf ihn nur niemals sehen und weiß folglich nicht, wer ihr wunderbarer Liebhaber und Freund ist.

Unterhalb der Stadtmauer erlebte das Publikum die zunehmende Verknotung von Psyches Lebensgeschichte: Ihre königlichen Eltern verzweifeln angesichts der liebestollen Bewunderer ihrer Tochter und wenden sich an das Orakel in Delphi. Und nun wird Psyche auf Weisung des Apoll ausgesetzt und lebt mit Amor in einem wunderschönen Schloss. Doch eines Nachts verbrennt er sich an Psyches Öllämpchen den Arm und ist betrübt. So steigt auch die eifersüchtige Mutter des Amor, Aphrodite, wieder ins Geschehen ein, um die Liebe wieder zu kitten. Denn ein liebeskranker Amor taugt nichts. Dafür muss Psyche in die Unterwelt steigen und mit Charon über den Styx fahren.

  • Die eifersüchtige Aphrodite sieht ihre Chancen wieder steigen und geht – wie immer – rachsüchtig ans Werk.
  • Die Schwedenstiege hinab begleitete das Publikum den Theaterspaziergang der Kinder, die ihre Zuschauer an höchst reizvolle und romantische Plätze führten.
  • Am Venezianischen Brunnen beauftragt Aphrodite ihre „Konkurrentin“ Psyche, in die Unterwelt hinabzusteigen und eine Reihe von Abenteuern zu bestehen.
  • Theaterpädagogin Sarah Hieber, die seit vielen Jahren das Unterstufentheater an St. Stephan führt, leitete den Theaterspaziergang dezent und sicher an. Bei einem Probentag am vorausgehenden Wochenende hatten die Kinder alles bestens auf die Spielorte rund um die Stadtmauer abgestimmt.
  • Der Totenfährmann Charon bringt Psyche über den Totenfluss in die Unterwelt: Was für eine berückende Szene an den Wassern und im wuchernden Gehölz des Unteren Grabens!
  • Persephone, die Unterweltsgöttin, weist Psyche eindringlich darauf hin: Das Töpfchen mit der Schönheitssalbe Marke Unterwelt darf auf keinen Fall geöffnet werden. Auf keinen Fall!
  • Aber Psyche kann der Versuchung dieses Salbentöpfchens nicht widerstehen: Wenige Augenblicke später liegt sie entseelt an den Stufen des graffiti-grellen Transformationshäuschens.
  • Im Olymp sammeln sich zur gleichen Zeit die Götter, nur Aphrodite will nicht so recht in die Gemeinschaft kommen.
  • Doch Amor erhält mit Hilfe der Götter seine Psyche wieder zurück, sie ist wieder da.
  • In die Versöhnung stimmen auch die Olympier mit ein – und bald wird auch die schmollende Aphrodite sich versöhnen.

Diese Szenen am Venezianischen Brunnen unterhalb der Schwedenstiege oder im Hohlweg am Ufer des Unteren Grabens waren von betörender Schönheit – nicht nur die Zuschauer, auch die Kinder genossen die Schlüssigkeit und intensive Atmosphäre dieser großartigen „Kulissen“.

Aus Persephones Reich holte Psyche nun eine Schönheitssalbe, die sie allerdings – entgegen aller Gebote und Warnungen – doch an sich selbst erprobt und dabei umkommt. Jetzt aber fährt sie auf zum Olymp – womit die Theaterspaziergänger wieder am Galluskirchlein angekommen sind –, wo Zeus endlich Frieden schaffen kann. Aphrodite versöhnt sich und die beiden Liebenden, Amor und Psyche, können sich endlich für immer in die Arme schließen. Ein Happy End nach einer Dreiviertelstunde im milden Abendlicht an Augsburgs Stadtmauer.

Das Konzept des „Theaterspaziergangs“ brachte beeindruckende Ideen der Kinder hervor, die äußerst kreativ die Szenenauswahl und die Texte selbst hergestellt hatten: Starke Charaktere (wie die dominante Aphrodite oder der weise Zeus) und anrührende Momente (wie Psyches Tod an der Graffiti-Wand des Stromverteiler-Häuschens) gab es da ebenso zu sehen wie heitere und kabarettistische Nummern, vor allem aber ein untrügliches Gefühl für die tollen Szenerien, Lichteffekte und Eindrücke an den ausgewählten Stadtmauer-Stellen.

  • Tosender Applaus für den grandiosen Theaterspaziergang war der Lohn der begeisterten Zuschauer für das 13-köpfige Ensemble.
  • Und auch Sarah Hieber bedankte sich an der Final-Station hinter der Galluskirche mit Götterspeise bei ihren kreativen Schützlingen.

Am Ende des Theaterspaziergangs überreichte Theaterpädagogin Sarah Hieber, die mit ihrer Erfahrung und feinen Lenkkraft viele Freiräume für die Kinder geschaffen hatte, jeder und jedem aus dem Ensemble einen Becher „Götterspeise“. So fand ein probentechnisch schwieriges und unruhiges Jahr mit einer ansprechenden, ja köstlichen Aufführung sein beglückendes, ja olympisches Ziel.