Tiefseequallen und Zauberdiebe

  • Wir alle sind Nico und Sera! Im Tanz der Tiefseequalle”, den die Theatergruppe der Jahrgangsstufe 6 aufführte, wechseln die Rollen ganz schnell – aber Rot (Sera) und Blau (Nico) sind klare Signalfarben in dieser Geschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft.
  • Die 14-köpfige Gruppe zeigte in dichten Bildern und schönen Formationen, wie sich zwei Außenseiter – Sera ist außergewöhnlich hübsch, Nico ist außergewöhnlich dick – als Leidensgenossen” finden.
  • Alle starren nach oben: Wieder einmal ist Nicos Schulranzen in die Äste des Baumes hinaufgeworfen worden. Nico geht überraschend cool mit diesen Mobbingattacken um.
  • Im Schullandheim eskaliert für beide die Situation so stark, dass sie ins Gespräch kommen – und den Entschluss fassen, gemeinsam auszubüchsen.
  • Wie ernährt man sich auf der Flucht? Sie klauen an einer Tankstelle Eis aus der Tiefkühltruhe. Das ist mehr als eine Mutprobe, das ist echte Fürsorge füreinander.
  • Mit ihrem Spielleiter Markus Müller holt sich die Gruppe den verdienten Applaus eines begeisterten Publikums.

Geteilte Freude ist doppelte Freude! An diesem Motto haben sich womöglich die Schülerinnen und Schüler des Unterstufentheaters orientiert. Denn anstatt nur ein Stück aufzuführen, bekamen die Zuschauer am 15. Juni gleich zwei Theaterstücke zu sehen.

Den Anfang machten die Schauspielerinnen und Schauspieler der 6. Jahrgangsstufe. Unter der Leitung von Markus Müller führten sie den Tanz der Tiefseequalle“ nach dem gleichnamigen Roman von Stefanie Höfler auf. Dabei geben sie allerdings nicht – wie man denken könnte – einfach nur die Geschichte wieder. Stattdessen bezogen die Kinder das Publikum schon von Beginn an aktiv in das Geschehen mit ein.

Der Tanz der Tiefseequalle handelt von Nico und Sera. Die beiden könnten unterschiedlicher kaum sein Denn während Sera das beliebteste und schönste Mädchen der Klasse ist, wird Nico aufgrund seines Übergewichts von seinen Mitschülern gemobbt. Dennoch entwickelt sich zwischen ihnen im Laufe der Handlung eine besondere Verbindung.

Zu Beginn der Aufführung erhalten die Zuschauer einige Einblicke in die Entstehung des Theaterstücks. Man sieht die versammelte Theatergruppe. Sie diskutieren darüber, wie das Publikum erkennen soll, wer gerade Sera oder Nico verkörpert, denn beide Rollen werden im Laufe der Inszenierung von verschiedenen Kindern gespielt. Die Antwort ist einfach: Alle, die Sera darstellen, tragen etwas Rotes, während diejenigen, die Nico spielen, etwas Blaues tragen. Aber wie spielt man einen Dicken? Auf diese Frage hin beginnen die Kinder verschiedene Möglichkeiten auszuprobieren einen Übergewichtigen zu verkörpern: Manche tragen ein Kissen unter ihrem T‑Shirt, andere bewegen sich bewusst schwerfällig. So spielt man also einen Dicken! Dadurch wird deutlich, dass Nico unter seinem Übergewicht leidet, und das eigentliche Stück kann beginnen.

Für die Klasse von Nico und Sera steht eine Klassenfahrt an. Normalerweise fährt Nico nicht auf Klassenfahrten. Warum auch? Er wird sowieso nur von seinen Mitschülerinnen und Mitschülern gehänselt. Nicos bester Freund Little überlegt sich deshalb schon fleißig Ausreden, damit Nico auch dieses Mal zuhause bleiben kann. Doch Nico entscheidet sich dazu, dieses Jahr erstmals mitzukommen. Und eigentlich verläuft das Schullandheim für ihn anfangs sogar besser als gedacht. Er wird größtenteils ignoriert und muss sich nicht einmal blöde Sprüche anhören.

Doch als die Klasse im Kletterwald ist, bemerkt er, dass sich Marco, ein Mitschüler, Sera gegenüber übergriffig verhält. Dieser Teil der Handlung wird aus Seras Perspektive vorgelesen. So erleben die Zuschauer hautnah die Angst und das Unwohlsein, das Sera in dem Moment verspürt. Schließlich greift Nico ein und rettet Sera aus der Situation. Am Abend bietet Sera Nico zum Dank einen Tanz an. Doch die Blicke ihrer Klassenkameradinnen und ‑kameraden kleben an den beiden. Nach und nach nähert sich die Klasse dem Tanzpaar. Sie verfolgen die beiden, bis sie umzingelt sind. Es fallen zahlreiche Beleidigungen und ihr gemeinsamer Tanz wird spöttisch als Tanz der Tiefseequalle“ bezeichnet. Somit beenden Sera und Nico ihren Tanz und setzen sich zusammen nach draußen.

Plötzlich kommt Sera eine Idee: Die beiden sollten weglaufen. Ganz egal wohin, Hauptsache weg. Obwohl Nico zunächst an Seras Vorhaben zweifelt, dauert es nicht lange, bis sie sich auf den Weg machen. Die Nacht verbringen die Kinder in einer Scheune und werden am nächsten Morgen von Schafen geweckt. Zum Frühstück stehlen sie sich an einer Tankstelle ein Eis. Während sie essen, kommen die beiden das erste Mal richtig ins Gespräch. Sie tauschen ihre Erfahrungen mit der Klasse aus und verstehen zum ersten Mal, wie sich das Leben des anderen wirklich anfühlt. Nico ist eben nicht nur der Dicke“, sondern sogar ein sehr kreativer und mutiger Junge. Gleichzeitig erkennt Nico, dass auch Sera kein perfektes Leben führt, nur weil sie hübsch ist. Beide merken, dass es sich – unabhängig vom Aussehen – nie gut anfühlt, auf den eigenen Körper reduziert zu werden.

Nach diesem aufschlussreichen Gespräch kehren die beiden per Anhalter wieder nach Hause zurück. An dieser Stelle endet zwar das Theaterstück, doch das Buch erzählt die Geschichte von Nicos und Seras Freundschaft noch weiter. Aber das, so sagen die Kinder am Ende ihrer Aufführung, sollen die Zuschauer selbst nachlesen. Insgesamt ist die Aufführung sehr gelungen. Man merkt deutlich, dass sich die Kinder intensiv mit der Handlung und den Figuren auseinandergesetzt haben.

Die Inszenierung beeindruckt besonders dadurch, dass die Rollen von Nico und Sera nicht an einzelne Schauspielerinnen oder Schauspieler gebunden sind, sondern von verschiedenen Kindern übernommen werden. Dadurch wird die zentrale Aussage des Stücks besonders eindrucksvoll vermittelt: Für eine Freundschaft zählt nicht das Aussehen, sondern der Charakter eines Menschen. Die Freundschaft von Nico und Sera zeigt, dass sich Vorurteile über Menschen oft nicht bewahrheiten. Erst wenn man einer Person wirklich begegnet und sie besser kennenlernt, erkennt man, wer sie wirklich ist. Diese Botschaft wird das Publikum noch lange nach dem Theaterstück begleiten.

  • Die Theatergruppe der Jgst. 5 versetzt das Publikumin ihrem Stück Abraka – Was?” in eine magische Zauberschule. Hier kommen gerade die neue Lehrkraft Frau Sonne und ihre Tochter Marie (rechts) in den Unterricht herein.
  • Im Fachgeschäft für Zauberei-Bedarf kann man allerlei Dinge kaufen – aber die verloren gegangene Zauberkraft der Frau Sonne ist dort natürlich nicht im Angebot. Die Kinder müssen helfen.
  • Das Geschehen nimmt seinen Lauf: Frau Sonnes gestohlene Zauberkraft muss zurückerobert werden. Die Reise geht durch den Zauberwald …
  • Das Versteck der Zauberkrafträuber Günther und Daniel ist gefunden: Eine verwunschene Burg mitten im Wald.
  • Jetzt geht es darum, dass die Kinder ihre ganz unterschiedlichen Kräfte und Talente so einsetzen, dass sie nicht gegeneinander, sondern miteinander ihr Ziel verfolgen.
  • Es gelingt! Die Handlung führt zurück in die Zauberschule. Die bösen Zauberdiebe haben sich als frühere Kollegen von Frau Sonne herausgestellt. Die große, 20-köpfige Gruppe ist komplett auf der Bühne.

Wie schon am Anfang erwähnt, war nach dieser grandiosen Inszenierung noch nicht Schluss. Die Fünftklässlerinnen und Fünftklässler führten im Anschluss ihr selbstentwickeltes Stück Abraka – Was?“ unter der Leitung von Martina Sedlmeier auf.

Es handelt von einer Zauberklasse, in die eine neue Schülerin namens Marie kommt. Gleichzeitig wird ihre Mutter, Frau Sonne, die neue Lehrerin an der Schule. Irgendetwas scheint jedoch nicht mit dieser Lehrerin zu stimmen. Mithilfe ihrer Zauberkräfte finden die Schülerinnen und Schüler heraus, dass Frau Sonne keine Zauberkräfte besitzt.

Kurzerhand konfrontieren die Kinder Frau Sonnes Tochter damit und erfahren, dass die beiden Bösewichte Günther und Daniel ihr offenbar die Zauberkräfte gestohlen haben. Die Schülerinnen und Schüler schmieden einen Plan, wie sie gemeinsam die Diebe mit ihren Zauberkräften bekämpfen können. Auf der Suche nach Günther und Daniel müssen die Kinder sich zuerst durch einen Wald kämpfen. Um die Bewohner des Waldes darzustellen, schlüpfen die Schauspielerinnen und Schauspieler in die Rollen verschiedener Tiere, die sie authentisch und mit merklich viel Übung verkörpern.

Neben dem Klassenzimmer und dem Wald findet das Theaterstück ebenfalls auf der Burg von Daniel und Günther statt. Die Schauplätze ändern sich im Laufe des Stücks immer wieder, wobei die Schauspielerinnen und Schauspieler mit diesen ständigen Umstellungen bemerkenswert souverän umgehen. Schließlich ist der Höhepunkt des Stücks erreicht: Der Kampf gegen Günther und Daniel. Mit vereinten Zauberkräften gelingt es den Kindern, die beiden Zauberkraftdiebe zu besiegen. Die Heldinnen und Helden kehren wohlbehalten an die Schule zurück und bringen Günther und Daniel gleich mit.

Zum Schluss erfährt das Publikum auch den Grund für den Diebstahl der Zauberkräfte: Frau Sonne war früher gemeinsam mit Günther und Daniel in einer Zauberklasse. Von Neid und Missgunst getrieben, ließen sich die beiden ehemaligen Klassenkameraden dazu verleiten, Frau Sonnes Zauberkräfte zu stehlen. Insgesamt endet die Geschichte mit einem Happy End und Frau Sonne erhält ihre Kräfte zurück.

Mit dieser Aufführung begeisterten die Fünftklässlerinnen und Fünftklässler das Publikum gewaltig, was sich in den zahlreichen Lachern und dem Mitfiebern während des gesamten Stücks widerspiegelte. Besonders hervorzuheben ist dabei die Selbstständigkeit, die die Kinder bereits in so jungem Alter an den Tag legen. Nicht nur die Handlung, sondern auch das Bühnenbild entwarfen die Schauspielerinnen und Schauspieler selbst. Dadurch entwickelte die Gruppe ein tiefes Verständnis für die Rollen und die Figuren, was die Aufführung mit Lebendigkeit und Humor erfüllte.

Insgesamt hat sich dieser Abend für alle Beteiligten gelohnt und erwies sich als voller Erfolg für die Theatergruppen, die mit tobendem und langanhaltendem Applaus belohnt wurden.

  • Markus Müller und Martina Sedlmeier, die Leiter der beiden Unterstufentheatergruppen, freuen sich über den gemeinsamen Abend ihrer beiden Ensembles: Theater an St. Stephan schafft schöne Kooperationen!