Türen aufstoßen mit lustvollen Rückblicken

  • Loriots „Der Wähler fragt – Politiker antworten“ mit Opa Hoppenstedt (Mitte) führte in den Literarischen Abend „Literatur lernt sprechen 2022“ hinein.
  • Sechs Schulstunden begleiteten das Programm: Hier eine der frühen (Mittelstufen-)Stunden mit Latein – und Valentin Ferber als multiplem Pädagogen.
  • Das gesamte 13-köpfige Ensemble ist als Klasse auf der bunt belebten, gut gefüllten Bühne im Kleinen Goldenen Saal.
  • Am Ende des Tages erscheint P. Emmanuel – in leibhaftiger Imitation: Die zentralen Requisiten sind eine Leberkässemmel und ein Tafelschwamm. Der wirre Tafelanschrieb offenbart sich beim Lesen von oben nach unten: Die Anfangsbuchstaben der Zeilen ergeben das Wort „Abitur“.
  • Im Stil einer Gedenkrede rezitierte Laura Gonizianer die von ihr übertragene Passage aus „Memorial. An excavation of the Iliad“ von Alice Oswald.
  • „Shakespeare und das Ei“: Einen Blick in William Shakespeares Schreibwerkstatt warf Melina Albandopoulos in ihrer selbstverfassten Spielszene. Hier blitzt gerade der Einfall vom Ei auf.
  • Im Dialog über das „Höhlengleichnis“: Der ermüdende Sokrates hat schon mehr als die Hälfte seiner Zuhörer verloren. Und es sollten noch mehr werden …
  • Sieben Songs von ABBA bis Texas Lightning hatten Luca Gaurieder und Maximilian Schäffer ins Lateinische übersetzt: Das Lateinische Schlager-Medley mit Band aus den Reihen des Ensembles löste wahre Jubelstürme aus.
  • „Revierhofer“, das investigative Magazin Format, brachte Luca Gaurieder als Enthüllungsjournalisten und Late-Night-Talker auf die Bühne, zusammen mit seinem Sidekick Hannah Linder.

Mit großer Spielfreude und sorgsam inszenierten Texten unterhielten die Abiturientinnen und Abiturienten der Absolvia 2022 ihr Publikum am literarischen Abend „Literatur lernt sprechen“. Auf die Bühne gestellt wurde, was die ehemaligen Schülerinnen und Schüler der Q12 in den vergangenen zwei Jahren beschäftigt hatte: der individuelle Zugang zu kanonischen Texten der alten und modernen Literatur, persönliche Erschütterungen in den gegenwärtigen Zeiten der Krise und Szenen aus dem Schulalltag.

Nach zwei Jahren bedingt durch die Coronapandemie konnte das Projekt „Literatur lernt sprechen“, das von Studiendirektor Matthias Ferber erneut umsichtig betreut worden war, nun wieder im Kleinen Goldenen Saal vor Publikum stattfinden und rund 120 Interessierte, ob Mitschülerinnen und Mitschüler, Familienangehörige, Lehrerinnen und Lehrer waren gekommen, um sich für rund zweieinhalb Stunden mitnehmen zu lassen auf eine literarische Reise von Platon bis zu aktuell verfassten Texten des Ensembles.

Als literarischer Abschluss der gemeinsamen Schulzeit ist dieses Projekt konzipiert, schulische Erlebnisse standen im Mittelpunkt: Humorvoll, liebevoll, spöttisch wurde in den Szenen „Schultag“, mit Valentin Ferber in den multiplen Rollen von Jürgen Mayrhofer, Daniel Wübbena, Tilmann Abele, Jürgen Weber, Matthias Ferber und Pater Emmanuel, Einblicke aus Schülerperspektive in so manche Schrullen des Unterrichts der vergangenen Schuljahre gegeben. Diese Szenen verbanden die Texte des Abends locker miteinander: die Wunschtexte der Schülerinnen und Schüler vom Loriot-Sketch („Der Wähler fragt – Politiker antworten“), über Alice Oswalds Kriegsanklage („Memorial. An excavation of the Iliad“) und Georg Trakls expressionistische Gedichte bis zu Johann Wolfgang Goethes Faust-Szene „Auerbachs Keller“, sowie die selbst verfassten Szenen, umgeschriebenen Songs, Slam-Texte und Monologe.

  • Literatur des Expressionismus stellte das gesamte Ensemble – hier mit Stadt-Bausteinen – vor. Von Georg Heyms „Gott der Stadt“ …
  • … bis zu Georg Trakls Kriegsgedicht „Grodek“ von 1914 reichten die beklemmenden Darbietungen.
  • Unmittelbar darauf machte Junia Kieser als Poetry-Slammerin deutlich, warum der Expressionismus als Inspirationsquelle nicht mehr taugt.
  • Gemütliches Zeitunglesen im Caféhaus: Der ungebremste Redeschwall des Tischnachbarn wird zum Nervenkrieg in Franziska Polanskis Sketch „Verständnis füreinander zeigen“.
  • Die Erzählung „Allein“, verfasst von Antonia Preising, kam als Abfolge von Motivbildern für sechs Spieler und zwölf Stöcke auf die Bühne und machte den Blick frei in die Gemütsverfassung eines jungen Menschen, der in die Isolation hineinrutscht.
  • Zum Finale gab es „Auerbachs Keller“ aus Goethes „Faust“: Mit einer „Sauerei“ ging die berühmte Szene in der legendären Leipziger Studentenkneipe los.
  • Das fröhliche Studentenquartett hat sich schon eingestimmt in einen reichlich feuchten Abend, als Mephisto und Faust erscheinen (rechts).
  • Mephisto zaubert auf seine Art den besten Wein herbei: Er bohrt den Tisch an und setzt neue Zapflöcher. Im Kleinen Goldenen Saal hallte die Schlagbohrmaschine.
  • Doch der heitere Abend eskaliert: Gerade noch rechtzeitig kann Mephisto die aufgebrachte Meute stoppen – und in ein Nirwana versetzen.
  • Großer Applaus auf der Bühne und im Saal für das Ensemble von „Literatur lernt sprechen 2022“: Nach zwei Jahren Corona-Zwangspause ist das Projekt wieder kraftvoll auf die Bühne getreten.

Deutlich wurde an diesem Abend, dass Literatur und Literaturunterricht dann doch eben mehr leisten als nur zu unterhalten. Wiederholt wurde dem Zeitgeist, dem Schulalltag und dem aktuellen gegenwärtigen Geschehen der Spiegel vorgehalten: ob mit der Inhaltsleere eines Polittalks, einem satirisch-investigativen Fernsehformat (verfasst von Luca Gaurieder), das den Verbleib einer Mikrowelle aus dem Oberstufenzimmer und Verwicklungen der Schulleitung des Gymnasiums bei St. Stephan in diese Affäre aufzuklären versuchte, oder mit der Übersetzung von Oswalds „Memorial“-Text durch Laura Gonizianer, die das zahllose, gewalttätige Töten und Sterben im Krieg beklagte. Welche Ratlosigkeit bzw. Vergeblichkeit auch manche literarische Interpretation („What, you egg!“ aus Shakespeare: Macbeth, Akt 4, Szene 2 bzw. „Höhlengleichnis“ aus Platon: Politeia) bei Schülerinnen und Schülern im Unterricht auslösen kann, war in humorvollen Szenen bzw. Textbearbeitungen von Melina Albandopoulos und Maximilian Schäffer zu erfahren.

Berührend und nachdenklich wurde es bei weiteren selbstverfassten Stücken, wenn Junia Kieser in ihrem Slam-Text Georg Trakl gegenübertrat und von ihm und seinem Gedicht „Vorstadt im Föhn“, das dieses Jahr im Deutsch-Abitur zu interpretieren war, mehr Inspiration für ihre Generation einforderte als „Vorstadt-Kitsch“, nämlich mit Demonstrationen und Regenbogenfarben die Welt im Sturm zu erobern. Antonia Preising hatte mit „Allein“ einen Monolog verfasst, der davon erzählte, wie erschreckend schnell man in einen „Kokon der Isolation“ rutschen kann, so dass Selbsthass, Zweifel und dunkle Gedanken in Kontaktabbruch und eine Hölle führen, wie aber auch die empathische Zuwendung von Freunden einen Ausweg zeigen kann.

Den Abschluss des Abends bildete die Interpretation der Szene „Auerbachs Keller“, die vordergründig eine der derben Saufszenen aus Goethes Tragödie „Faust“ darstellt, in der die Abiturientinnen und Abiturienten aber die bösen Folgen einer müden Gesellschaft aufzeigten, die allzu sehr nach ihren Wünschen und dem Prinzip des Rausches lebt.

Spielerisch, kritisch, voller Lebenslust wurde bei „Literatur lernt sprechen“ auf die vergangenen Schuljahre zurückgeblickt – man hatte den Eindruck, wohl um mit demselben Elan eine neue Tür im Leben aufzustoßen. Sinnbildlich beschloss das Ensemble, zu dem als Schauspielerinnen auch Mesude Erdem, Talitha Moser und Sophia Nehm gehörten, mit einem Song der britischen Rockband Queen aus dem von Luca Gaurieder und Max Schäffer gestalteten „Lateinischen Schlager-Medley“, begleitet von Noah Litzl (Schlagzeug), Samuel Hartl (E-Gitarre), Malan Yang (Klavier) und Hannah Linder (E-Bass), den Abend: „Don’t stop me now“ beziehungsweise „Procedamus“.