Überbordendes Spiel im Spiel
„Crazy“ ist das erste Wort, das ein Schüler der achten Jahrgangsstufe am Tag nach der Première wählt, um seiner Klasse einen Eindruck von der diesjährigen Produktion der Theatergruppe der Oberstufe zu vermitteln. Danach ringt er ein wenig um Worte, was für den Rezensenten des Stückes nachvollziehbar ist. Aber „crazy“ ist ein durchaus zutreffendes Stichwort, um einen Zugang zu dem Stück „Marat/Sade“ von Peter Weiss, das 1964 uraufgeführt worden ist, und seiner aktuellen Umsetzung unter dem Titel „Charenton. Nation. Revolution“ zu finden.
Das Publikum betrachtet noch die Bühne, die diesmal zwölf Meter breit an einer Längsseite der Großen Aula – crazy! – aufgebaut ist. In ihrem Hintergrund sind Fotos von Politikern, Machthabern und Despoten, aber auch die Porträts der Schauspielerinnen und Schauspieler an der Wand angebracht, gerahmt wird sie von einem Schiedsrichterstuhl wie beim Tennis und einer monströsen Guillotine.
Plötzlich betreten die Schauspieler noch vor dem eigentlichen Beginn des Stückes den Raum. Sie verkörpern die Insassen und Pflegekräfte der Irrenanstalt „Charenton“ und suchen die Nähe zum Publikum, wobei manche Töne und Misstöne auf Flöten produzieren. Später sorgt Adrian Sommer für das Sounddesign, der hinter der letzten Reihe sitzt, live auf einer Trommel spielt und digital erzeugte Klangteppiche einsetzt, womit er die packende, aufwühlende, mitunter auch enervierende Intensität der Inszenierung kommentiert und steigert, die durch eine überaus kompakte, verdichtende Textfassung von nicht einmal 70 Minuten wie ein fulminanter Sturzbach abläuft. Die meisten Personen tragen weiß, doch es stechen auch Rottöne hervor, zwei markante Figuren sind schwarz gekleidet.
Eine davon ist Francois Simonnet de Coulmier, der Leiter der psychischen Heilanstalt, hervorragend verkörpert von Abischag Prem. Er besteigt mit Frack und Zylinder den hohen Stuhl und begrüßt mit erhabenen Worten das Publikum, wobei er die Modernität seiner Institution betont, die man schon daran erkennen könne, dass seine Patienten – wir befinden uns im Jahr 1808 – nun ein Stück über die Ermordung Marats aufführten unter der Leitung von Marquis de Sade. Diesen haben die Wogen, welche die Französische Revolution ausgelöst und Marat als eine sie antreibende Kraft bereits 1793 verschlungen haben, ebenso in die Heilanstalt gespült.
Auch wenn er somit mundtot gemacht werden sollte, hat er noch einiges zu sagen und in Joel Dorn einen wortgewaltigen Schauspieler gefunden. Für das geplante Theaterstück sind die Insassen Feuer und Flamme – und wollen alle in die Wanne. Dieser etwas platte Kalauer soll bald erläutert werden. Wird das Spiel zu chaotisch und läuft Gefahr, außer Rand und Band zu geraten und überzuborden, klopft Samuel Winckler in der Rolle eines schöngeistigen Pflegers, er ist die zweite Figur, die schwarz kostümiert ist, herrisch auf den Boden und mahnt mit strengem Blick und gereimter Sprache zu Ruhe und Contenance. Sollte sich gar eine gerade gespielte Szene als zu grob oder blasphemisch erwiesen haben, wird sie kurzerhand gestrichen.
Zurück zur Wanne: Dort badet Marat oder – genauer gesagt – die Marats, denn seine Rolle ist gesplittet. In kaltem Wasser lindert er die Schmerzen einer ihn plagenden Hautkrankheit in Obhut seiner Gattin, die liebevoll von Emma-Fe Miller gespielt wird. Von dort aus hält er unter Aufbietung der ihm verbliebenen Kräfte flammende Reden für sein Ziel, die absolute Gleichheit der Bürger. Dazu rollen weiter die Köpfe, um die Guillotine bildet sich eine Schlage. Fällt der Kopf, so reiht man sich erneut ein. Das Geräusch des fallenden Beils ist extrem und schmerzt in den Ohren. Die Menge johlt und lässt sich leicht von Marats Tiraden und den Aufrufen des Priestermönches Jacques Roux mitreißen, den Elijah Hofmann sehr glaubhaft mimt. Grandios ist eine Szene in der Nationalversammlung, die zeigt, wie leicht sich die Masse manipulieren lässt. Wer etwas zu sagen oder zu motzen hat, steigt in die Wanne und wird zu Marat, der noch einmal in seinem Element ist, denn der Pöbel tost. Das Wasser spritzt aus der Wanne, die wiederholt während des intensiven Abends überbordet.
Viel Lebenskraft hat Marat nicht mehr, den Rest will ihm Charlotte Corday rauben, doch es bedarf dreier Anläufe, bis sie ihren Mordanschlag ausführen kann, wodurch das Stück eine klare Gliederung erhält. Fesselnd und mitreißend spielt Josefine Unseld-Weiand die schlafkranke Insassin und Mörderin im Spiel im Spiel. Wie sie sich aus ihrer Schlaffheit herausreißt, ihren geplanten Anschlag halb im Wahn, halb in Trance rechtfertigt, dabei selbst droht, wieder dem Schlaf zu verfallen, und schließlich nach dem Dolchstoß selbst in der Badewanne versinkt, ist höchst eindrucksvoll. Auch Jakob Palme, ein erotomaner Insasse, der einen gemäßigten Girondisten spielt, kann sie trotz allem wollüstigen Schmachtens nicht von dem Mord abhalten, das bzw. sie kann er drehen und wenden, wie er will.
Doch zuvor hat de Sade noch Gelegenheit, wiederholt an die Wanne zu treten, um im Disput mit Marat, der immer mehr zu einem Monolog wird, über seine Ansichten und Erfahrungen zu reflektieren und lamentieren. Quälen und leiden bereitet ihm Lust und führt ihn zu Erkenntnisgewinn und Erfüllung. Doch seine Intention richtet sich nur auf das Individuum. Massenhafter Mord durch die Guillotine widert ihn an und es schwant ihm, dass die Revolution nichts verändern wird. Für ihn wie auch den Zuschauer bleiben am Ende viele Fragen offen.
Das einfache Volk hat sich mit den neuen Umständen schnell angefreundet und dankt Kaiser Napoleon für das tägliche Brot. Plötzlich beginnt Joseph Kolland zu singen: „Sag mir quando, sag mir wann!“ Nach und nach stimmen alle mit ein und beginnen zu tanzen. Das Stück endet scheinbar heiter und unbeschwert, irgendwie „crazy“. Doch man hört noch Worte wie „Wann werdet ihr sehen und verstehen?“ und die Blicke der Zuschauenden wandern noch einmal zu den Fotos der Personen, die gerade die Geschicke der Welt in Händen halten.
Das Publikum belohnt die Schauspielerinnen und Schauspieler, Spielleiter Matthias Ferber und die Technikgruppe, welche die neuartige Bühne souverän und exakt ins Licht gesetzt hat, mit großem, lang anhaltendem Applaus.
Die Bilder fotografierten P. Gregor Helms OSB und Viviane Gillich Q12: Herzlichen Dank für diese unwiederbringlichen Eindrücke!