Von beklemmend bis heiter: Kraftvolle Literatur

  • Die mitschreibenden Studenten sind ganz Ohr: Brutdirektor Serge Mateso und Cheftechniker Lukas Epple führen durch die Menschen-Brutstation aus Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“.
  • „Ich und die anderen“ erzählt die Geschichte einer „multiplen Persönlichkeit“ …
  • … die hier gerade aus dem Wasser steigt: Ein Schöpfungsakt der besonderen Art!
  • Woyzeck – Büchners beklemmend-berührende Dramenfigur – steht auf freiem Feld und hört im wachsenden Wahnsinn Stimmen.
  • Marie und ihr kleines Kind – Woyzeck tut alles, um seine Liebe und seine Familie zu erhalten.
  • Marionettenspiel im „Woyzeck“: Hier die Szene, in der sich Woyzeck ein Messer kauft.
  • Der „Woyzeck“ wurde bei „Literatur lernt sprechen“ als durchgängiges Ensemblestück gespielt: Das neunköpfige Team war durchweg auf der Bühne, zentrale Rollen waren mehrfach besetzt.

Als hätte sich ein Buch geöffnet und hätten sich dessen Figuren eigenständig verlebendigt – so bewegt erschien die Bühne des Kleinen Goldenen Saales am jüngsten Literarischen Abend des Gymnasiums bei St. Stephan zum Abitur 2018. Es war ein besonderer Abend, an dem Schülerinnen und Schüler des diesjährigen Abiturjahrganges ihre Sicht klassischer, zeitgenössischer und eigener literarischer Werke präsentierten unter dem an der Schule etablierten Motto „Literatur lernt sprechen“.

In den wenigen Wochen zwischen den Abiturprüfungen und der sogenannten Schulentlassung hatten sich neun Abiturientinnen und Abiturienten unter der Leitung von Studiendirektor Matthias Ferber versammelt, um ihren Wunsch- bzw. Lieblingstexten Leben einzuhauchen: Die Szenen, die dabei auf die Bühne gestellt wurden, waren nachdenklich, erheiternd banal, irritierend, beklemmend, unterhaltsam – und immer eines: kraftvoll.

Ein „schöner Abend“ war versprochen worden. Der Abend hielt dieses Schönheits-Versprechen freilich nur zum Teil, denn die Schülerinnen und Schüler machten in der umsichtigen Lektüre, klugen Textauswahl und bühnenwirksamen Umsetzung von Werken wie Aldous Huxleys „Brave New World“, George Orwells „1984“, Thomas Manns „Tonio Kröger“, Matt Ruffs „Ich und die anderen“, Georg Büchners „Woyzeck“ und Camus’ „Der Mythos des Sisyphos“ manche Tiefen des menschlichen Daseins wie Manipulation und Folter, Einsamkeit, Wahnsinn oder die Absurdität des alltäglichen Tuns greifbar. Aufgeheitert wurden die rund 120 Zuschauer – unter ihnen Familienangehörige, Mitschüler und Lehrer – durch Peter Maiers „Einmal“-Kurzchroniken, Lyrik von Christian Morgenstern, Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ oder „Macbeth to go“.

  • „Macbeth to go“: Das ist ein Klassiker der Weltliteratur, gespielt mit Playmobilfiguren. Das berühmte Internet-Format setzte die „Literatur lernt sprechen“-Gruppe mit einem irrwitzig-atemberaubenden Spielleiter um …
  • … und mit lebensgroßen Playmobilfiguren, die mit Requisiten in den Händen zu einer wunderbaren Tonkonserve den Shakespeare-Klassiker boten. Da geriet das Publikum in hemmungsloses Lachen.
  • Wie bebildert man einen Text über das Absurde aus Albert Camus’ „Der Mythos des Sisyphos“? Der lesend sinnierende Denker war umringt von Handlungen aller Art, vom Papieresser bis zum Steinschlepper.
  • Die Nacht, dargestellt als Zauberer mit wehendem Mantel der Dunkelheit – Inszenierung eines Gedichtes von Christian Morgenstern
  • Gespielte Lyrik gehört jedes Jahr zum festen Programmbestand von „Literatur lernt sprechen“.
  • Ein Grabgesang für lachende Menschen: Rilkes Gedicht „Schlussstück“ als Bühnenminiatur

Diese abschließende Macbeth-Darbietung des Abends war nur ein Beispiel für die Kreativität und Spiellust, mit der Abiturienten und Regisseur Ferber die gewählten Wunschtexte in Szene gesetzt hatten: Als menschliche Playmobil-Figuren bewegte „Spielleiter“ Serge Mateso in der „to go“-Variante des Shakespeare-Dramas seine Kollegen atemberaubend und witzig schnell durch den Macbeth-Stoff. Die kraftvolle Bildsprache der inszenierten Texte und Auszüge, ob Camus‘sche Seelenlosigkeit oder überdrehter Kitsch Morgenstern‘scher Lyrik, berührten gleichermaßen wie der Ausdruck rein rezitierter Texte, so Joshua Wölfels Prosa „Die Eiche“ und „Ein offener Brief“ oder eine Schullyrik-Szene aus Herrndorfs „Tschick“, von Lukas Epple glänzend vorgetragen.

Letztlich blieb ein Eindruck an diesem schönen – nein, intensiven, fordernden, witzigen, kraftvollen Abend: Diese Abiturientinnen und Abiturienten bringen Literatur leibhaftig zum Sprechen. Mit ihnen genießt es das Publikum, in anverwandelte Literatur – auch in manche angezweifelte Schullektüre – interessiert und lustvoll einzutauchen.

  • Applaus nach einem vielgestaltigen und schwungvollen Literaturabend: Die Bandbreite der Literatur überrascht jedes Jahr aufs Neue – und jeder Zuschauer findet etwas, das ihn trifft, berührt oder zum Nachdenken bewegt.