Weiblich? Männlich? – Gemeinsam! Bewusst!
Ist Zukunft das, was uns überrollt, oder das, was wir daraus machen? Dieser Frage widmet sich das Zukunftsforum „Jugend – Zukunft – Veränderung“ von St. Stephan heuer bereits im dritten Jahr.
Rollenträger oder Mensch?
Sind wir genormte Rollenträger oder individuelle Menschen? Mit diesem konkreten Thema war für das Jahr 2026 am 13. März in den Kleinen Goldenen Saal geladen, um gezielt weibliche Rollenbilder in der Gesellschaft zu hinterfragen und zu durchleuchten: „Zukunft ist (auch) weiblich?! – Rollenbilder, Realitäten und Revolte“ stand auf den Plakaten.
Vor allem aber stand da an zugkräftiger Name: Katharina Schulze, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bayerischen Landtag, der es in ihrer frischen, frechen, zugleich aber auch hochreflektierten, empathischen Art gelang, den Abend und seine hochkarätigen Podiumsgäste gehaltvoll zu inspirieren.
Katharina Schulze: Jugendliches Empfinden und gesellschaftliche Realität
Katharina Schulze eröffnete mit einem Impulsvortrag den Abend und erzählte ganz offen von den Gefühlen ihrer Jugendzeit, frei und weltläufig aufwachsen zu dürfen. „Mir steht die Welt offen – wie meinem Bruder”, zitierte sie ihr Weltempfinden mit 16 Jahren. Spätestens aber an der Universität in München begegnete sie die den rollenbegrenzenden Faktoren eines vorgefertigten Frauenbildes, sexistischer Sprüche und kaum verhohlener Übergriffigkeit.
Bis heute, so berichtete sie anekdotisch bis analytisch, erlebe sie frauenentwertende Fragen von Journalisten und männlichen Politikern, klischeebehaftete Urteile in der Öffentlichkeit und beständigen Bewertungsdruck als politisch engagierte Frau und als Mutter zweier Kinder. Ausweitend eröffnete sie den Blick auf die bedrohliche Seite des Frauseins: von sexueller Ausbeutung bis Femizid, von ungleichem Lohn bis zur fehlenden Wertschätzung von Sorgearbeit für Kinder, Alte und Hilfsbedürftige.
In umgekehrter Blickrichtung zeigte sie aber ermutigende Entwicklungen im Blick auf das zurückliegende Jahrhundert: Erringung des Frauenwahlrechts (1918), das Recht, ohne männliche Zustimmung Arbeit anzunehmen und ein Konto zu führen (1958), die Aufnahme der Vergewaltigung in der Ehe in das Strafrecht (1997). „Wir stehen auf den Schultern von Giganten”, rühmte sie die Leistungen engagierter Frauen früherer Generationen. Aus diesem Gefühl leite sie ihr Projekt von Bayern als „erstem gleichberechtigten Bundesland” ab: „Wir sehen uns im gleichberechtigten Bayern. Wenn wir zusammenhalten, werden wir unschlagbar sein.”
Diskussionsrunde mit erkennbaren Stoßrichtungen
Das Publikum, das sehr aufmerksam mitging, war nun eingestimmt auf eine fünfköpfige Diskussionsrunde unter der Moderation von Altstephaner Dr. Jan M. König (abs. 2006): Neben Katharina Schulze saßen Markus Krapf, Präsident des FCA, Gastronom und stv. Geschäftsführer beim Stadtmagazin Neue Szene, Kirsi Hofmeister-Streit, Geschäftsführerin der Augsburger Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt Wildwasser e.V., Dr. Kerstin Oldemeier, Professorin für Soziale Arbeit an der Internationalen Hochschule in Erfurt, und Frieda Rothe, in der Jugendpolitik aktive Schülerin am Gymnasium bei St. Stephan.
In der vielschichtigen Diskussion wurden schnell Stoßrichtungen deutlich. Die Unterschiede der Geschlechter sind nicht naturgegeben, sondern brauchen kluge Analyse und zugleich den Willen der Frauen, nach Mitgestaltung und Macht bewusst zu greifen. Der Staat hat mit Kinderbetreuung, Steuergesetzgebung, Elternzeit und Elterngeld viel Einfluss und zugleich müssen antifeministische Tendenzen in den sozialen Medien und im erstarkenden Autoritarismus in widerständiger Weise aufgedeckt werden.
Neben die politisch steuernden Kräfte, auf die sich Männer gerne zurückziehen (Systeme wie „die Wirtschaft” oder „die Politik”) und damit den Blick verengen auf Fragen der Quotierung oder der Finanzierbarkeit, traten in der Diskussion mehr und mehr soziale Aspekte: Welche Rolle haben Schulen, Vereine oder Institutionen bei der Vermittlung eines anderen Frauenbildes? Müsste nicht vielmehr auch ein verändertes Männerbild bewusst – zusammen mit Männern – entwickelt und propagiert werden?
Bewusstsein statt Gewissensbisse
Frauen stehen auch selbst in der Verantwortung, das „heroische” Bild von Mutter, Gattin, Fürsorgender sich bewusst zu machen und aufzubrechen. Selbstmitleid, hemmende Bescheidenheit und Gewissensbisse dürfen Frauen selbstbewusst ablegen zu Gunsten eines Wissens darum, was ihnen wertvoll ist und was sie persönlich erstreben wollen.
Insgesamt war spürbar, dass nicht mehr Kampf und Konfrontation – die ja in sich Ungleichheit zementieren – im Vordergrund stehen sollten, sondern Prozesse auf weiblicher wie männlicher Seite, Impulse der Angleichung und vor allem ein offener, freiheitlicher Blick auf das Dasein: „Jeder spürt doch auch selbst, was er braucht”, formulierte das Katharina Schulze. „Ich will etwas zu sagen haben, ohne Stereotypen zu reproduzieren”, nannte es Frieda Rothe. „Lasst es uns ohne Neid und Vorwürfe anpacken”, äußerte sich Markus Krapf. „Um weibliche Scham aufzubrechen, braucht es niederschwellige Unterstützung, die Gehör schenkt”, formulierte Kirsi Hofmeister-Streit. Und Kerstin Oldemeier öffnete zuletzt eine deutliche Perspektive fürs Miteinander: „Beim Blick auf medizinische, psychische und soziale Aspekte sind die gegenwärtigen Rollen auch für Männer gar nicht gesund.”
„Feministische Strahlkraft” von St. Stephan
Das Veranstalter-Duo des Zukunftsforums, Gymnasium bei St. Stephan und Verein der Freunde und Förderer, wurde in Schulleiter Alexander Wolf zu Beginn und Vereinsvorsitzender Christine Sommer zum Schluss sichtbar. Die „feministische Strahlkraft St. Stephans”, die Christina Sommer augenzwinkernd beschwor, war jedenfalls nicht nur auf dem Podium mit Schülerin Frieda Rothe sichtbar, sondern auch beim umrahmenden Streichquartett, bestehend aus vier Schülerinnen, die eindrucksvoll das überaus vielfältige Stück „Fast Blue Village 2” der usbekisch-australischen Komponistin Elena Kats-Chernin boten.
Vor allem aber war das Publikum gut besetzt, insbesondere mit Schülerinnen und Schülern, die den Gedanken aufmerksam und mit zahlreichem Zwischenapplaus folgten. Man muss an Katharina Schulze mit 16 Jahren denken: Das Empfinden und Verstehen dieses Abends gilt’s jetzt hinauszutragen in eine Gesellschaft und ein ganzes Leben!