Wie vorlesen richtig geht

  • Ein guter Vorleser braucht keine ausladenden Gesten, auch kleine Modulationen in der Stimme und ein spannender Text können die Zuhörer fesseln.
  • Doch wer sich traut und aus sich herauskommt, begeistert das Publikum umso mehr ... wie hier mit einer Bibelstelle, die mehrfach in unterschiedlichen „Farben“ und Emotionen gelesen wurde.
  • Ohne Aufwärmen geht es nicht, denn die Stimme und der Körper werden wie beim Schauspiel gleichermaßen zum Lesen benötigt.
  • Vorlesen ist harte, intensive Arbeit. Man darf sich nicht einfach von Wort zu Wort hangeln ...
  • ... sondern muss die Bilder im Kopf sehen, die Ereignisse in sein Herz lassen.

Was macht gutes Vorlesen aus? Rufus Beck, Schauspieler und bekannte Stimme der „Harry Potter“-Hörbücher, drückt es in einem Interview so aus: „Gutes Vorlesen ist, wenn sich niemand langweilt.“ Dass es aber gar nicht so einfach ist, den Text „halt einfach spannend“ zu lesen, das erleben die Schülerinnen und Schüler der 6. Jahrgangsstufe derzeit in ihren Deutschstunden. Denn sie trainieren und üben für den jährlichen Vorlesewettbewerb am 7. Dezember. An diesem Tag präsentieren sich die besten Vorleser jeder Klasse und ermitteln den Schulsieger.

Wertvolle Hilfestellung und praktische Tipps hat die Klasse 6a dabei von der Augsburger Schauspielerin Kerstin Becke erhalten, den Kindern gut bekannt durch ihre eindrucksvollen Lesestunden an unserer Schule. Alle hatten für diesen kleinen Workshop ein Lieblingsbuch, eine Vorlesestelle und drei Adjektive, die diese Stelle charakterisieren, ausgewählt.

Mit der Stimme, dem Körper und dem Herzen arbeiten

Doch bevor es tatsächlich ans Lesen ging, mussten natürlich Stimme und Körper aufgewärmt und das richtige Atmen gelernt werden. Dazu griff Kerstin Becke gleich in die Methodenkiste der Schauspielerin und bat darum, dass sich alle mit einer Geste kombiniert mit einem Geräusch vorstellen. Die ersten Gesten waren noch ein bisschen schüchtern und verhalten, aber rasch gab es große Bewegungen wie Kungfu-Sprünge oder ausladende Verbeugungen, aber auch ganz kleine, feine Gesten wie das Reiben des Kinns oder das Verstrubbeln der Haare.

„Vorlesen hat eben ganz viel mit Schauspielerei zu tun“, erklärt Kerstin Becke. „Der Vorleser muss die Ereignisse tatsächlich durchleben, die Stimmung spüren und die Bilder vor seinem geistigen Auge entstehen lassen.“ Nur dann kann er oder sie diese Ereignisse und Stimmungen auch den Zuhörern vermitteln. Und an dieser überzeugenden Vermittlung arbeiteten die 20 Mädchen und Jungen an diesem Vormittag höchst konzentriert. Sie lernten, sich das Publikum heranzuholen, intensiven Blickkontakt aufzunehmen und gekonnt Pausen zu setzen. Sie wälzten sich am Boden beim Lesen, standen hinter einem Stehpult oder drehten dem Publikum den Rücken zu, wenn es darum ging, Panik in die Stimme zu legen, Angst zu empfinden oder eine kämpferische Ansage zu machen.

Etwas fürs eigene Leben mitnehmen

Doch das Wichtigste beim Vorlesen ist wohl auch das Schwierigste: sich viel Zeit zu lassen, um die Bilder und Stimmungen des Vorlesetextes entstehen zu lassen. Sich trauen, Mut haben und sich hinstellen – all das sind Qualitäten, die im Leben oft gefordert werden. Deshalb haben alle an diesem Vormittag nicht nur für den Vorlesewettbewerb trainiert, sondern auch etwas ganz für sich selbst, den eigenen Alltag gelernt. „Ich wünsche mir, dass ihr etwas von dem, was wir heute ausprobiert haben, mitnehmt ins Leben“, sagte Kerstin Becke. „Denn Performance, die Kunst sich hinzustellen und da zu sein, die wird nicht nur auf der Bühne verlangt.“