Zeichen setzen – zum Holocaust-Gedenktag

  • Das Projektteam, das die intensive Gestaltung des Holocaust-Gedenktages organisiert hatte, zeigte sich hier im Eingangsbereich, wo die gewohnten Wegestrukturen durch Barrieren aufgebrochen wurden.
  • Eine dunkle Plane bedeckte des Eingangsbereich: Das schuf unvermeidlich Verstörungen und Nachfragen.
  • Der Vertretungsplan bringt im unteren Laufband plötzlich Lebensdaten von Holocaust-Opfern: Ein verblüffender Eingriff in die tagtägliche Namenspräsentation auf den Digitalen Schwarzen Brettern.
  • „Todesanzeigen“ säumten den Weg durch den Neubau: Den Nachrichten vom Sterben so vieler Individuen war nicht auszukommen.

Am Morgen des 27.01.2020 erwartete die Schüler eine Überraschung am Eingang der Schule. Nicht nur war der Haupteingang mit einer schwarzen Plane verhängt worden, sondern es verstellten eine Reihe strategisch platzierter Kuben und Stellwände den Weg der Schüler durch das Foyer. Dies führte natürlich zu großer Verwirrung und sorgte für Kommentare, ob denn etwa die Schule wegen des Coronavirus unter Quarantäne stünde oder ob denn der Abistreich schon stattfinden würde. Auch der Vertretungsplan war verändert worden: statt Erinnerungen und Informationen für die Schüler standen nun dort die Namen und Lebensdaten von Opfern des Holocausts, wie z. B. Anne Frank.

Hinter dieser Aktion standen die Schülerinnen und Schüler des P-Seminars Geschichte, die sich mit der Gestaltung des Holocaust-Gedenktags an unserer Schule eineinhalb Jahre lang beschäftigt hatten, gemeinsam dieses Konzept entwickelt und es nun auch umgesetzt hatten.

Der Holocaust-Gedenktag findet jährlich am 27. Januar statt, um die Erinnerung an die Opfer des Holocausts lebendig zu halten. Der Termin wurde von der UN gewählt, da an diesem Tag im Jahr 1945 das KZ Auschwitz durch sowjetische Truppen befreit wurde.

Im Laufe des Vormittags fanden weitere Aktionen im Rahmen des Gedenktages statt. Neben dem Sekretariat II stellten wir einen Pappaufsteller mit der lebensgroßen Gestalt Wolfgang Bernheims auf. Er war bis 1938 Schüler an St. Stephan gewesen, bis er die Schule verlassen musste, da er Jude war. 1943 wurde er im KZ Ausschwitz ermordet. Neben dem Aufsteller hielten wir zwei CD-Spieler bereit, mit deren Hilfe sich interessierte Schüler Informationstexte zur nationalsozialistischen Rassenlehre, zum KZ Dachau und zu Wolfgang Bernheim anhören konnten. Zusätzlich war auf der CD ein vom Neffen Wolfgang Bernheims verfasster und gelesener Text zu hören.

Kurz nach acht Uhr störte eine Durchsage mit Namen und Geburtsdaten von weiteren Opfern den Unterricht, eine zweite folgte nach der Pause mit den jeweiligen Sterbedaten. Zweck dieser Durchsagen war, den normalen Schulablauf kurz abzustoppen und für Aufmerksamkeit durch das Durchbrechen gewohnter Alltagsmuster zu sorgen.

Für die Unterstufenklassen hatten wir uns etwas Besonderes überlegt, um die Kinder an das Thema des Nationalsozialismus hinzuführen. In Zweiergruppen lasen wir aus dem Buch „Kinder mit Stern“ von Martine Letterie vor und reflektierten anschließend die Inhalte der Geschichten, indem wir mit den Schülerinnen und Schülern über Fragestellungen wie „Gibt es auch heute noch Verbote und Nachteile für bestimmte Personen oder Gruppen?“ oder „Wie fühlen sich die Figuren in dieser Situation?“ ins Gespräch gingen. In dem Buch geht es darum, wie Kinder den Nationalsozialismus selbst erlebt haben.

Für die Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 7-12 entwickelten wir einen Fragebogen zu ihren persönlichen Erfahrungen mit Ausgrenzung oder Ähnlichem und fragten ab, inwieweit sie sich bereits mit dem Holocaust beschäftigt hätten. In der Großen Pause ließen wir Luftballons steigen, an denen wir politische Wünsche für die Zukunft befestigt hatten. Diese waren während der Veranstaltung „Projekte ans Licht“ von Schülern und Gästen formuliert worden. Kurz vor Ende der sechsten Stunde lösten wir im Rahmen einer weiteren Durchsage die verschiedenen Aktionen des Tages auf und erläuterten den Holocaust-Gedenktag.

  • Am Ende des Schulvormittags wurden echte Zeichen gesetzt: Ein Fingerabdruck jedes Stephaners auf den Projektleinwänden.
  • Musiklehrer Bastian Walcher setzte auch sein Zeichen in dieses Gemeinschaftswerk.
  • Viele kleine Tupfer vieler angesprochener Menschen ergeben zuletzt ein farbenreiches Gesamtbild.
  • Armbänder mit dem Tagesmotto „Zeichen setzen“ konnte das Projektteam kostenlos an jede Schülerin und jeden Schüler verschenken: So geht die Erinnerung an den Gedenktag hinaus in den Alltag der Stadt.
  • Die Aktiven aus dem Projektteam waren gut auf den Ansturm zur Mittagszeit vorbereitet: Jede und jeder konnte sein Armband ans Handgelenk anlegen.

Unser Projekt fand seinen Abschluss in einer großen finalen Aktion: An den Ausgängen im Haupt- und im Neubau verteilten wir Armbänder mit der Aufschrift „Zeichen setzen“ an alle, damit unsere Mitschülerinnen und Mitschüler eine greifbare Erinnerung an unser Projekt haben und somit daran denken, selbst Zeichen zu setzen. Außerdem baten wir sie, einen Fingerabdruck auf einer Leinwand zu hinterlassen und damit eine Rose als Symbol für den Frieden zu füllen. Mit diesem Bild wird im Schulgebäude ein permanentes Zeichen zum Gedenken an den Holocaust gesetzt.